Abgehängt im Internet und „einfach nicht drin“

p395289 NEUNsight März 2017

Es gibt sie tatsächlich, die Generation der Internetverweigerer und Ahnungslosen, denen Google fremd und Facebook ein Greul ist. Edgar ist so einer. 62 Jahre alt und ein in Berlin geborener Geophysiker. Edgar will  in Abwandlung eines alten Werbespruches von Boris Becker „einfach nicht mehr drin“ sein und beschreibt in der NEUNsight exklusiv, warum und weshalb das so ist.

Wir sind die Kinder des deutschen Wirtschaftswunders und haben uns als Oberschüler den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg gleich in zweiter Reihe nach Rudi Dutschke und Fritz Teufel angeschlossen. Viele von uns haben studiert, manche ein naturwissenschaftliches Fach. So waren wir damals mittendrin in der aufkeimenden Computertechnologie.

Die entstehenden Rechenzentren an den Universitäten enthielten riesige Zentralrechner und überall drehten sich in abgehackter Bewegung große Spulen mit Magnetbändern. Die Rechner (Workstations) hatten Namen wie VAX, PDP-11 oder CEDAT (FU-Berlin) und wir Studenten versuchten uns gleich an mehreren Programmiersprachen wie Basic, Algol-68, Fortran-IV oder auch Assembler.

Unsere Programme schrieben wir auf größere, rechteckige Karten in gelber, grüner oder roter Farbe, die zum Stanzen und Einfüttern in den Zentralrechner im Rechenzentrum abgegeben wurden. Erst am nächsten Tag erhielt man dann einen langen Ausdruck aus dem breiten Nadeldrucker, dem wir nur zu oft entnehmen mussten, dass unser Programm auch dieses Mal wieder nicht einwandfrei abgearbeitet werden konnte, weil wir an irgendeiner Stelle einen Formatfehler beim zu hastigen Programmieren gemacht haben.

Diese Einleitung ist deshalb wichtig, weil sie zeigt, dass unsere Generation durchaus nicht zurückgeblieben ist, was technisches Verständnis anbetrifft. Endlich kamen in den 1980er Jahren die ersten Personal Computer (PC) auf und mit ihnen hatten wir uns mit dem Betriebssystem DOS (disk operating system) auseinanderzusetzen, bis schließlich Bill Gates auf den Plan trat und uns mit Windows 3.1 beglückte. Plötzlich konnte man mit der Maus auf dem Bildschirm Icons hin und her schieben und auch anklicken, um zu sehen, was sich dahinter so alles verbirgt. Dann kamen Windows 95, Windows 2000 & Co., in den Büros der Firmen waren lokale Netze für alle Arbeitsplatzrechner inzwischen  Gang und gäbe.

Krake Internet

Parallel dazu entwickelte sich in den USA das Internet, dass seine langen Krakenarme auch schnell nach Deutschland ausstreckte. Die Älteren unter uns erinnern sich noch an: „Ich bin drin“. Das war die Kernaussage von Boris Becker, der einst die Nutzung des Internets bewarb. Und spätestens an dieser Stelle dürfen wir in etwa den Anfang vom Ende der intakten Gesellschaft datieren, denn jetzt begann der unaufhaltsame Siegeszug des Internets und die Vernetzung aller Rechner. Es entstand ein (virtueller) rechtsfreier Raum, in dem jeder machte, was er wollte und was er konnte. Es war der Nährboden für die Evolution einer ganz neuen Spezies: der Hacker. Der Gesetzgeber und die Rechtsprechung kamen kaum hinterher, neue Gesetze und Verordnungen zu kreieren, um der neuen kriminellen Lust Einhalt zu gebieten.

Wir haben schon viel gelernt und auch viel gemacht auf dem Gebiet der Computertechnik, aber wir haben verstanden, dass es immer schneller, immer weiter geht. Wer am Puls der Zeit bleiben möchte, muss sich täglich mit tausendseitigen Manualen der täglich auf den Markt drängenden neuen Errungenschaften der Digitaltechnik auseinandersetzen. Wehmütig erinnerten wir uns an die gute alte Zeit, als wir noch richtige Bücher lesen durften, anspruchsvolle Literatur, über die wir miteinander sprachen, über die wir diskutierten.

Datenschutz – was ist das?

Wenn ich in den 1970er und 1980er Jahren in einem Zugabteil mit anderen Reisenden saß, dann kamen die Menschen immer ins Gespräch und keiner hatte „Angst vor Datenschutz“. Der im Abteil versammelte Proviant wurde offengelegt und jeder nahm sich einfach, was ihm am besten schmeckte. Oft genug hatte ich nach einer solchen Reise einen neuen Freund gefunden. Heute starren die Online-Menschen unbeirrt auf ihre Bildschirme. Um die eigene Abwesenheit von der realen Welt komplett zu machen und die Gefahr einer Kommunikation mit einem anderen Menschen auf null zu bringen, stopfen sie sich kleine Kopfhörer in die Ohren mit Leistungen, die einst unsere speziellen Exponentialboxen nicht aufzubringen imstande waren.

Die Charaktere seiner Mitmenschen kann man recht gut kennenlernen, wenn man mit ihnen Spiele macht, nehmen wir als Beispiel das Kartenspiel Doppelkopf. Heute spielt man online Skat mit virtuellen Spielern, die sich selbst einen lustigen Schutznamen geben, um auch ja die Anonymität zu bewahren. Persönliche Worte haben da nichts zu suchen, Hauptsache die Plattform verdient immer mit. Ohnehin wird heute das Spielen alleine favorisiert. Dazu setzt man sich eine fette Technobrille auf und taucht in eine virtuelle 3-D-Welt ab, in der man dann zum Beispiel albern hampelnd wie Siegfried mit einem Schwert gegen einen Drachen kämpft.

Der Zeitgeist liegt ganz eindeutig in der Vernetzung aller Menschen und aller Dinge, ohne zu hinterfragen, wer uns dazu zwingt, solch einen Frevel zu begehen. Die Industrie redet uns ein, dass wir unbedingt mit Apps von jedem Punkt der Welt aus unseren Kühlschrank, Opas Herzschrittmacher oder unser Versorgungsunternehmen steuern können müssen, ganz abgesehen von unserem Bankdepot.

Gründe für den Ausstieg

Ich habe für mich schon früher entschieden, auszusteigen, nicht mehr mitzumachen. Meine alten Augen und meine unsensiblen Finger kommen ohnehin nicht klar mit der „wisch und weg“ Technik auf diesen winzigen Displays. Mir ist klar geworden, dass die Zunahme der psychischen Erkrankungen ganz eindeutig mit unserer digitalisierten und daher auch extrem formalisierten Lebensweise zu tun hat. Bevor auch ich anfing durchzudrehen, habe ich die Reißleine gezogen und mich vom Internet und der brandgefährlichen Vernetzung meines Hauses distanziert. Ich bin sicher, dass auch viele andere Menschen meiner Generation ähnliche Gedanken in sich tragen und ihre Abneigung zum Internet ganz bestimmt nicht allein mit einer Unfähigkeit im Umgang mit der Technik zu begründen ist.

Edgar Acht

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Etwa 20 Prozent aller Deutschen sind nicht online – aus verschiedenen Gründen. Technikfeindlichkeit spielt eine Rolle oder der fehlende Zugang aus Altersgründen. Besonders betroffen von dieser „Internetferne“ ist die Generation der heute knapp 60jährigen, die den Beginn der virtuellen Revolution schlichtweg verpasst hat oder diesen generell ablehnt.