Wenn der Alltag keine Bedeutung mehr hat

p395289 NEUNsight März 2017

Den Blick aufs Smartphone gesenkt und mit hoher Fingerfertigkeit Nachricht um Nachricht an Empfänger getippt. So sieht sie aus, die sogenannte „net-generation“, die zwischen der Realität und der virtuellen Welt nicht mehr unterscheidet – mit suchtähnlichen Folgen. Bekämpfen Sie ihre Suchtfallen – wie und worauf Sie achten sollten, hat das NEUNsight-Team für Sie recherchiert.

„Digital natives“ ist die gängige Bezeichnung für die „in die digitale Welt eingeborene“ Altersgruppe, als deren erste Geburtsjahrgänge die 1980er-Jahre gelten. Sie kommuniziert beinahe ausschließlich per Instant Messaging Systems, E-Mail und SMS. Diese Generation lebt und agiert „vernetzt“, besorgt sich Informationen im Direktzugriff und agiert im Multitasking. Sie lebt in unmittelbarer Interaktion mit mehreren interaktiven Reizquellen, lässt ihnen jedoch stets nur teilweise Aufmerksamkeit zukommen. Es sind in erster Linie technische Fertigkeiten, die dieser Generation attestiert werden, weniger die Fähigkeit, den Wahrheitsgehalt der „in Echtzeit“ besorgten Information auch einschätzen zu können. Die virtuelle Welt wird zur Realität, deren Wahrheitsgehalt scheinbar nicht zur Debatte steht.

Besonders häufig sind Digital Natives von dem relativ neuen Phänomen der Onlinesucht betroffen. Vor allem die Altersgruppe der bis 16-Jährigen ist in besonders hohem Maße anfällig. Sie hat größte Schwierigkeiten ihre Onlinezeit zu kontrollieren oder aus freiem Willen zu unterbrechen. Suchtauslösend sind hierbei keineswegs praktische Recherchen zur konkreten Informationsbeschaffung oder virtuelle Unterhaltungen in sogenannten Chats. Zu einer ernsthaften Gefährdung der Jugendlichen kommt es durch Online-Computerspiele, die teilweise sehr kostengünstig aus dem Netz auf den eigenen PC geladen werden können. Hier treten die Heranwachsenden in einer virtuellen Welt zueinander in einen Wettstreit, der sie in ihren Bann zieht und jegliches Zeitgefühl verlieren lässt.

Suchtfaktor Nummer 1: Spiele

Verschiedenen Studien zufolge sind Jugendliche für Online-Rollenspiele besonders suchtanfällig. Das 2004 veröffentlichte Computerspiel „World of Warcraft“ erwirtschaftete bis 2012 einen Umsatz von mehr als zehn Milliarden US-Dollar. Als weltweit beliebtestes Multiplayer-Onlinespiel schaffte WoW, so die Insiderbezeichnung, den Sprung ins Guinness Buch der Rekorde. Kritikern zufolge ist dieses Spiel das für Jugendliche gefährlichste Spiel, weswegen sie die Altersfreigabe von bisher zwölf Jahren auf 18 Jahre hinaufgesetzt sehen wollen. In Mainz existiert eine Forschungsambulanz für Spielsucht, die auch für Onlinesucht zuständig ist. Etwa 80 Prozent der dort behandelten Klienten kommen nicht von der „World of Warcraft“ los. Es handelt sich zumeist um junge Männer mit einem Alter zwischen 18 und 27 Jahren. Erschütternder Weise verfügen die meisten von ihnen kaum noch über nennenswerte real existierende Sozialkontakte geschweige denn Freundschaften. Sie alle sind früher oder später aufgrund dieser ausschließlichen Fixiertheit auf die virtuelle Welt verloren gegangen.

„Dabei ist jedoch davon auszugehen, dass eine gewisse Vulnerabilität für Online-Spiele-Sucht besteht. So findet man bei den späteren Süchtigen oft bereits im Voraus Probleme im sozialen Leben. Das Online-Spiel wird dann zur Flucht aus der als schwierig erlebten „echten Welt“. Eine Prävention gegen Spielesucht, kann also nicht in dem Verbot von Spielen liegen, sondern muss reale soziale Kompetenzen fördern“, so Dr. Christina Dornaus,  Diplom-Psychologin, Profi-Trainerin und  Consultant in der Allensbacher K.O.M. HC Human Development & Consulting GmbH.

Suchtfaktor Nummer 2: Anerkennung

Nun borgen sie sich ihr Selbstwertgefühl von ihrem Spielerstatus in einer Fantasy-Geschichte, in der sie Abenteuer bestehen. Im Gegensatz zur realen Welt bleibe man von Misserfolgen und Rückschlägen verschont, wohingegen die Leistungen belohnt werden. Die neuen Freunde sitzen ebenfalls irgendwo vor ihrem Computer und unterhalten sich mithilfe eines Headsets. Die Fähigkeit mit realen Mitmenschen soziale Kontakte zu unterhalten geht nach und nach verloren.

Suchtfaktor Nummer 3: Aufmerksamkeit

Problematisch ist nach wie vor die exakte Definition dessen, was unter einer Online- oder Computersucht zu verstehen ist. Natürlich ist immer von einer Zwanghaftigkeit, von einem unstillbaren Drang auszugehen, sich mit einem Gerät zu beschäftigen, dass den Aufenthalt im Netz ermöglicht. Ein eindeutiges Symptom der Computersucht ist ein ungeheurer Leidensdruck, der sich mit jedem Internetausfall offenbart und in plötzliche Aggression umschlagen kann. Ebenso wenig sind blankliegende Nerven bei Jugendlichen als unproblematisch anzusehen, sollte das gewünschte Gerät gerade anderwärtig genutzt werden. Wenn Kinder unter zwölf Jahren sich nicht mehr in der Lage sehen, sich abseits des Computers mit einem vergnüglichen Spiel und realen Freunden zu beschäftigen, ist in jedem Fall Gefahr in Verzug. Beschönigungslos müssen sich Eltern eingestehen, dass sie für eine etwaige Computerspielsucht die Verantwortung tragen. Auch wenn der Computer heutzutage zur verpflichtenden Grundausstattung eines Schülers gehört, stellt sich die Frage, ob er auch wirklich 24 Stunden am Tag online sein muss. Studien gehen von rund 800.000 suchtgefährdeten Online-Junkies allein in Deutschland aus.

Suchtfaktor Nummer 4: Dabei sein wollen

Angesichts dieser Zahlen ist Eltern die Überlegung durchaus zumutbar, ob denn wirklich der gesamte Haushalt ununterbrochen mit dem Internet verbunden sein muss, wenn Kinder darin leben. Natürlich sind quengelnde Halbwüchsige enervierend, egal ob man ihnen Sonntag frühmorgens das Einschalten des Fernsehers oder des Computers abschlägt. Verständlicherweise wollen berufstätige Eltern am Wochenende auch mal ihre Ruhe haben, doch kann es nun einmal keine „Auszeit“ von der Kindererziehung geben. Noch weniger darf die Beschäftigung mit dem eigenen Nachwuchs gewohnheitsmäßig einem interaktiven Gerät überantwortet werden. Auch wenn der Übergang vom übermäßigen Computergebrauch zur Onlinesucht ein schleichender ist, ist ersten Anzeichen Aufmerksamkeit zu schenken. Vor allem bei Kindern ist dies immer die Vernachlässigung des Freundeskreises. „Hier zeigt sich deutlich, dass es wichtig ist, die sozialen Kompetenzen der Kinder zu fördern und gleichzeitig einen verantwortungsbewussten Umgang mit Online-Spielen beizubringen“, so Dr. Christina Dornaus.

Wilma Ahrens

Im Überblick

Fast eine Million Erwachsene und Kinder gelten in Deutschland als online-süchtig. Achten Sie daher besonders auf Suchtfallen und fördern beispielsweise als Eltern die soziale Kompetenz ihrer Kinder. Wenn Sie Veränderungen im Verhalten der Betroffenen feststellen, zögern Sie nicht professionelle Hilfe anzunehmen, da die Sucht gravierende Auswirkungen auf das Alltagsleben hat. Trotzdem: Eine allgemein gültige Definition der Sucht steht noch aus.
Bild: Markus Bormann (fotolia.com)