Deutsche Digitalangst – völliges Umdenken ist dringend nötig

p395289 NEUNsight Mai 2017

Die Neigung der Deutschen zur Risikovermeidung könnte sich gerade bei der Digitalisierung als Fortschrittskiller herausstellen. Wenn nichts geschieht, verliert Deutschland den Anschluss. Die „German Angst“ und ihre negativen Folgen für den digitalen Fortschritt. Doch was ist die German Angst genau und woher stammt diese?

Eine Studie der Körber Stiftung vom Dezember 2016 zeigte bereits, dass nur jeder zweite Abiturient und nur jeder vierte Hauptschulabsolvent für sich selbst berufliche Chancen in der Digitalwirtschaft sieht. Die Chancen für die Gesellschaft insgesamt schätzten die Befragten jedoch etwas höher ein. Diese Ergebnisse spiegeln das Gegenteil von Umfragen in anderen Ländern und zeigen, wie groß hierzulande die Angst ist.

Digitalangst – ein typisch deutsches Phänomen

Nach einer aktuellen Studie des VDE ist es um den digitalen Transformationsprozess in Deutschland auch im Frühjahr 2017 nicht gut bestellt. Die Experten mahnen ein Umdenken an, sonst droht Deutschland abgehängt zu werden. Die Einführung leistungsstärkerer Infrastruktur müsse deutlich schneller voranschreiten. Dass die Digitalisierung viele Veränderungen mit sich bringt, ist den meisten wohl bewusst. Doch insgeheim hoffen einige Unternehmer, das Rad noch zurückdrehen zu können. Nicht nur von deutschen Unternehmern erwartet der VDE mehr „Californian Spirit“, jenen Innovationsgeist, der zahlreichen Firmen im Silicon Valley zu enormem Vorsprung verholfen und nicht wenige zu Weltmarktführern gemacht hat. Auch die Politik muss erheblich mehr tun, um Anreize zu schaffen.

German Angst – der Hemmschuh des Fortschritts

Noch ohne echten Bezug zur Digitalisierung sehen viele Sozialforscher in der German Angst einen Ausdruck für die Traumatisierung der Bevölkerung durch zwei Weltkriege. Einige Forscher glauben sogar Hinweise darauf gefunden zu haben, dass sich traumatische Ereignisse wie Hungersnöte, Weltkriege, Verfolgung und Vertreibung im Erbgut niederschlagen können. German Angst wäre demnach vererbbar, so das psychologische Informationsportal Psychomeda. Gesichert scheint hingegen eine sogenannte „Background Personality, die auch für ganze Gesellschaften gilt und immer wiederkehrende Verhaltensmuster in bestimmten Situationen erzeugt. Diese meist festgefahrenen Muster zu durchbrechen ist bei Einzelpersonen und Gruppen möglich, in ganzen Gesellschaften schwierig und ein langwieriger Prozess eines gezielten Stimmungsmanagements.

Nach der „Conservation of Resources Theory” von Stevan Hobfoll lässt sich German Angst psychologisch als die natürliche Furcht vor dem Verlust von materiellen und immateriellen Gütern (Ressourcen) erklären. Da die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg viel Energie aufgewendet haben, um Sicherheit und Wohlstand aufzubauen, ist die Furcht vor dem Verlust entsprechend groß. Hobfoll geht zudem davon aus, dass die Furcht vor dem Verlust mehr negativen Stress verursacht als der Gewinn (Primacy of Loss), so das psychologische Informationsportal weiter.

Der „kalifornische Geist“ fordert unkonventionelle Lösungen

Dieser negative Stress entsteht, wenn Druck ausgeübt wird, der Veränderungen mit sich bringt. Um auf dem Weltmarkt bestehen zu können, sind erhebliche technologische Anstrengungen erforderlich. Das digitale Zeitalter verlangt gerade von Deutschland mehr Geschwindigkeit. Im Moment ist der Innovationsgeist in Deutschland eher unterentwickelt, es fehle vor allem der Mut zu anderen Denkweisen. Viel zu lange habe man auf etablierte Technologien gesetzt. Neue Geschäftsmodelle müssen rasch angedacht werden.

Ein wichtiger Ansatz ist die stärkere Konzentration auf den Bildungssektor. Weil innovative Lösungen von Ingenieuren und Softwareentwicklern kommen, müssen auch die Berufsbilder in Schulen und anderen Ausbildungsstätten mehr gefördert und attraktiver gemacht werden. Gerade in der digitalen Qualität der Ausbildung gibt es enormem Aufholbedarf. Der VDE spricht davon, dass sich deutsche Hochschulen und Schulen in punkto Digitalqualität noch in der „Kreidezeit“ befänden. Solange einzelne Berufsgruppen noch jedoch so stark um ihre Datensicherheit sorgen wie jetzt, kann die digitale Transformation nicht gelingen. Um den Anschluss nicht zu verpassen, bleibt nicht viel Zeit. Die angestrebte digitale Transformation muss bis 2025 abgeschlossen sein.

Autorin: Ulrike Kerber

Bild: mpix-foto (fotolia.com)

Im Überblick

Die Ursachen der „German Angst“ sind in vielen Studien untersucht worden – mit einem ernüchternden Ergebnis. Alle Studienresultate sind nur Indizien, was und woher die „German Angst“ stammen kann. Auch die Vererbbarkeit der „German Angst“ ist unter Psychologen und Sozialforschern umstritten. Was bleibt ist die Tatsache, dass in keinem anderen Land auf der Welt, die Sozial- und Versicherungssysteme dermaßen ausgebaut sind, um Risiken zu vermeiden oder zu begrenzen. Dies ist ein untrügliches Merkmal einer besonders affektanfälligen „Background Personality“ in Deutschland.