Open Innovation: An der Psyche gescheitert!

p395289 NEUNsight Mai 2017

Wie kaum ein anderer Begriff hat „Open Innovation“ Eingang in das moderne Innovationsmanagement gefunden. Unternehmen erschließen das manchmal versteckte Wissen ihrer eigenen Mitarbeiter und Kunden, kooperieren über Branchengrenzen hinweg oder lassen ausgewählte Gruppen von Marktteilnehmern und Konsumenten Ideen „von außen“ einbringen, die dazu führen sollen „Innovationsflops“ zu vermeiden. Trotzdem scheitern viele Innovationsvorhaben. Was die Psyche damit zu tun haben könnte, erläutern wir im folgenden Artikel.

Für Unternehmen ist es besonders im digitalen Zeitalter wichtig, offen gegenüber Innovationen und neuen Entwicklungen in allen Gebieten zu sein. Nicht nur die eigene Kernkompetenz unterliegt Fortschritten, auch die allgemeinen Prozesse in der Firma können von neuen Ideen positiv beeinflusst werden. Aktuelle Studien zeigen, dass erfolgversprechende Innovationsansätze scheitern können und dies in den meisten Fällen mit der Psyche der Entscheider aber auch der Mitarbeiter im Unternehmen zu tun hat.

Angst vor zu viel Offenheit

Denn nicht nur Führungskräfte, sondern ganze Unternehmen, und dies gilt vor allem für den Mittelstand, scheuen sich bisher, „Open-Innovation-Ansätze“ in den Prozess ihres Innovationsmanagements einzubinden. Vielfach dominiert noch die Angst, in solchen Open-Innovation-Projekten das eigene interne Wissen preiszugeben und damit einen vermeintlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Doch inzwischen ist es mit Blick auf die immer weiter fortschreitende Komplexität der Wirtschaft, deren internationale Verflechtung sowie der rasanten Verkürzung von Produktlebenszyklen immer wichtiger, mit anderen Unternehmen zu kooperieren und auch externes Wissen in die eigenen Prozesse einzubinden: Das ist für viele Unternehmen im globalen Wettbewerb überlebenswichtig.

Klare Regeln zum Erfolg

Die noch immer bestehende Angst vieler Unternehmen, Wissen zu verlieren, ist allerdings unbegründet, denn Studien belegen, dass bei allen Open-Innovation-Projekten der Wissenszuwachs größer ist als der Wissensverlust. Allerdings gilt dies nur unter der Voraussetzung, dass in solchen Projekten bestimmte Regeln eingehalten werden. Zunächst ist es notwendig die eigenen Prozesse für ein Open-Innovation-Management klar zu definieren. So muss geklärt werden, wie viel Offenheit in ein solches Projekt fließen soll und welche potenziellen Partner eingebunden werden können. Darüber hinaus sollten Rahmenbedingungen schon im Vorfeld vertraglich festgelegt werden Diese müssen eventuell auftretende Streitigkeiten zwischen den beteiligten Unternehmen sowie die wirtschaftliche Verwertung bei einem Erfolg der Innovation zwischen den Partnern klar regeln. Mit Blick auf die strategische Ausrichtung eines Unternehmens ist es zudem notwendig zu erkennen, ob die eigene Innovationsstrategie mit Open-Innovation-Prozessen kompatibel ist. Wenn eine Öffnung gegenüber Dritten aufgrund der „alten“ Strategie nicht möglich ist, so muss eine Anpassung erfolgen, die den Weg zu erfolgreichen Kooperationen ebnet.

Zweifel an der Umsetzung
Beim Beispiel der Digitalisierung ließ sich besonders in Deutschland feststellen, dass die entscheidenden Personen Zweifel bei der Umsetzung hatten. Entweder sie haben die neue Technik als zu teuer und nicht passend im Verhältnis von Preis und Leistung angesehen oder sie haben sich geweigert, bereits bestehende Prozesse zu verändern. Besonders der letzte Punkt ist immer wieder festzustellen. Unternehmen verlassen sich auf vermeintliche Erfolge durch Prozesse, die bereits seit vielen Jahren bestehen. Sie unterschätzen die Bedeutung einer Modernisierung und einer Anpassung an die Verhältnisse auf dem Markt. Wer ein Beispiel sucht, muss nur auf die Branche der Katalog-Händler blicken, die den Einstieg in das Internet verpasst haben und inzwischen beinahe gänzlich von der Bildfläche verschwunden sind.

Auch die Mitarbeiter sind natürlich ein Faktor. Sie fürchten sich in vielen Fällen davor, mit der neuen Technik überflüssig zu werden oder bereits bekannte Werkzeuge zu verlieren. Wer mit dem eigenen Unternehmen innovativ agieren möchte, sollte also vor der Einführung die Mitarbeiter schulen und ihnen klar verdeutlichen, welche Erfolge eine Umstellung mit sich bringen kann. Nur gemeinsam kann die Innovation eine Firma auf ein besseres und effizienteres Level bringen.

Keine komplette Offenheit

Außerdem soll an dieser Stelle einem weiteren Irrtum in Open-Innovation-Projekten entgegengetreten werden: Viele Unternehmen glauben, dass Open-Innovation-Prozesse nur dann erfolgreich sind, wenn die beteiligten Partner alle ihre Daten, Zahlen und Fakten offenlegen. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies in vielen solcher Prozesse niemals notwendig gewesen ist. Open-Innovation-Prozesse leben vielmehr davon, dass sich Unternehmen mit konkreten Fragestellungen, beispielsweise aus Forschung und Entwicklung oder Trends in den Märkten, auseinandersetzten. Dabei ist es zentral, gemeinsam Lösungen zu finden und im Entwicklungsprozess Kompetenzen zu bündeln, um schneller neue Ideen und Ansätze zu generieren. Diese setzt voraus, dass Unternehmen in Zukunft offener  mit ihrem Wissen umgehen.

Autoren: Hannelore Brecht / Michael Storks

Bild: imageteam (fotolia.com)

Im Überblick

Noch immer ist für viele Unternehmen Wissen mit einem Besitz gleichgesetzt, der wie ein Territorium verteidigt werden muss. Während im Normalfall der Wert von Territorien über die Jahre steigt, ist dies bei Wissen anders. Wissen veraltet und steigt nur im Wert, wenn es im Austausch mit anderen ständig erneuert und eine tägliche Anwendung findet. Statt am alten Wissen festzuhalten, sollten die Fähigkeit zu kombinieren und „querzudenken“ als echte Königsdisziplinen wahrgenommen werden, denn das Vernetzen von Wissen im online-Zeitalter wird zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor global agierender Unternehmen. Dies setzt schnelles Umsetzen und die Bereitschaft, das eigene Wissen „loslassen“ zu können, voraus.