Nicht-Wähler: der stille und unberechenbare Machtfaktor

p395289 NEUNsight Juli 2017

In wenigen Monaten steht die  Bundestagswahl vor der Tür. Bis dahin werden Umfragen und Prognosen erstellt, wie die Ergebnisse aussehen und welche Koalitionen möglich sein könnten. Ein Faktor ist selbst für Statistiker unberechenbar: die immer weiter steigende Zahl der Nicht-Wähler! Warum das so ist und welche Rolle Sie als Wähler spielen, erfahren Sie hier!

Angesichts der historisch schlechten Wahlbeteiligung von gerade einmal 71,5 Prozent bei der letzten Bundestagswahl im Jahr 2013 könnten es in diesem Jahr vor allem die zurückkehrenden Nicht-Wähler sein, die einen entscheidenden Einfluss auf das Endergebnis haben werden. Das Phänomen des Nichtwählens wird zudem unterschiedlich eingeschätzt. Zwei entgegengesetzte Thesen stehen sich gegenüber. Während Vertreter der Krisenthese hinter der Wahlenthaltung überwiegend Politikverdrossenheit, Protest und eine Ablehnung des Systems ausmachen, sehen Vertreter der Normalisierungsthese hinter den steigenden Nichtwählerzahlen eine längerfristige Annäherung im Vergleich zu anderen westlichen Demokratien.

Überraschende Prognosen

Bisher hat man die meisten Nicht-Wähler in Deutschland vor allem der Gruppe der Protestwähler zugeordnet. Populistische Parteien wie die Alternative für Deutschland (AfD) schienen davon zu profitieren, dass viele Menschen wieder eine Möglichkeit sahen, ein Kreuz bei der Wahl zu machen ohne ihre Stimme bei den etablierten Parteien abgeben zu müssen. Die Sonntagsfragen der Forschungsgruppe Wahlen zeigt zum Beispiel, dass die zwischenzeitlichen 10 Prozent in den Umfragen der AfD bis zu einem Drittel von den Menschen gespeist worden sind, die bei den letzten Bundestagswahlen nicht an die Urne gegangen sind.

Umfragehoch der SPD

Das Insa-Institut , das vor allem für die „BILD“-Zeitung Umfragen und Prognosen erstellen lässt, hat sich intensiv mit dem zwischenzeitlichen Aufschwung der SPD beschäftigt. Im Frühjahr 2017 war es ihr nach der Verkündung des Kanzlerkandidaten Martin Schulz gelungen, mit der CDU in den Umfragen gleich- und sogar vorbeizuziehen. Wie das Institut herausfand, waren es vor allem Wähler, die mit der Politik der SPD unzufrieden waren und sich mit dem neuen Kandidaten vorstellen konnten, zu der Partei zurückzukehren.
Mobilisierung ist Trumpf

Auffallend hoch ist der Anteil der Nichtwähler bei Kommunal-, Regional-, Landtags-, und Europawahlen. Bei den Europawahlen stieg der Anteil der Nichtwähler seit 1979 von 34,3 % auf 56,7 % (Europawahl 2009); bei Bundestagswahlen hat er sich sogar mehr als verdreifacht, von 8,9 % (1972) auf 29,2 % (2009). International gesehen sind die Nicht-Wähler mancherorts die größte Gruppe der Wahlberechtigten. Die Situation in Österreich ist durchaus mit Deutschland vergleichbar. Hier stieg der Nichtwähleranteil bei den Nationalratswahlen von etwa 9 Prozent im Jahr 1979 auf etwa 21 Prozent im Jahr 2008.

Laut statistischen Angaben in Wikipedia ist die Zahl der Nichtwähler in der Schweiz deutlich höher als in Deutschland und liegt seit 1979 bei den Nationalratswahlen über 50 Prozent aller Wahlberechtigten. In Frankreich hat die Nichtbeteiligung eine Quote von bis zu 70 Prozent erreicht. In den USA liegen die Nichtwähler seit Jahrzehnten deutlich über 50 Prozent aller Wahlberechtigten.

Haben Sie schon aus Protest einmal nicht gewählt?

Autoren: Michael Storks / Hannelore Brecht

Bild: JFL Photography (fotolia.com)

Im Überblick

Mit einem Anteil von beinahe 30 Prozent Nicht-Wählern ist es für alle Parteien wichtig, dass sie ihre eigenen Anhänger mobilisieren. Gelingt es einer Partei deutlich ihre Wähler an die Urnen zu bekommen, so kann es zu deutlichen Aufwertungen bei den Ergebnissen führen, die sogar die Meinungsforschungsinstitute in Umfragen nicht genau erfassen können.