Automobilbranche: Es geht um weit mehr als den Diesel

p395289 NEUNsight August 2017

Aktuell steht die deutsche Automobilindustrie am Pranger. Absprachen, kartellähnliche Wettbewerbsverzerrungen und mögliche Milliardenstrafen machen die Runde. Bewiesen ist definitiv noch nichts, aber die Schuld ist durch Selbstanzeigen von Daimler und VW bereits eingestanden. Doch die Diskussion um Kartellverstöße und Dieselmanipulationen verdeckt das Bild auf ein weit wichtigeres Thema: Deutschlands Vorzeigeindustrie verliert international den Anschluss. Wir zeigen die Fehler auf!

Die Automobilbranche steht allein schon wegen ihrer Größe in Bezug auf Beschäftigte sowie auf die Bilanzzahlen mit Umsatz und Gewinn im Fokus der Öffentlichkeit. Außerdem gilt das Auto nach wie vor „als des Deutschen liebstes Kind“. Immer wieder geriet der eine oder andere Autobauer in das Fadenkreuz der Justiz. Im vergangenen Jahrzehnt war es Porsche mit seiner missglückten Übernahme von VW, seit einigen Jahren ist es VW selbst mit dem Abgasskandal; und seit kurzem ist bekannt, das das Bundeskartellamt gegen rund ein halbes Dutzend deutsche Automobilhersteller wegen verbotener Absprachen ermittelt.
Unklare Vorwürfe

Noch ist unklar inwieweit die Vorwürfe berechtigt und haltbar sind, ob Gesetzesverstöße vorliegen, und wenn ja, gegen welche Bestimmungen verstoßen wurde und ob sich die Verantwortlichen in einer Grauzone bewegen, sozusagen in einem rechtsfreien Raum. Als Trickserei wird ganz allgemein ein Verhalten bezeichnet, bei dem der Trickser alle nur erdenklichen Möglichkeiten und Lücken zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Das kann durchaus legal und legitim sein, es muss also keineswegs gegen Recht und Gesetz verstoßen. Tricksen heißt unter anderem auch, jemanden zu täuschen oder sich listig zu verhalten. Die Grenzen vom Tricksen zum Betrügen sind oftmals fließend.

Ausnutzen von Grauzonen

In der aktuellen Situation nutzen die Automobilhersteller unisono alle sich ihnen bietende  Gesetzeslücken und Grauzonen aus. Ein geradezu rechtsfreier Raum mit erheblichen Lücken bei Gesetzgebung und Rechtsprechung besteht zwischen der Europäischen Union und ihren Mitgliedsländern. Nach der aktuell gelten EU-Richtlinie sind Abschalteinrichtungen an Dieselfahrzeugen „grundsätzlich“ verboten. Ausnahmen sind zulässig, ohne dass die klar definiert oder durch Rechtsprechung entschieden sind. Diese Rechtsunsicherheit zu nutzen ist weder ein Gesetzesverstoß noch strafbar. Die einen nennen es ein geschicktes ökonomisches Verhalten, für die anderen ist es ein tricksen pur.

Kunden verlieren das Vertrauen

Das eigentlich Gefährliche am Tricksen ist der Vertrauensverlust des Kunden. Der kauft sein Fahrzeug im guten Glauben und Vertrauen darauf, was ihm in der Werbung angeboten beziehungsweise versprochen wird. Vor diesem Gesamthintergrund kann ganz klar bejaht werden, dass die deutsche Automobilindustrie trickst und deswegen auch zu Recht am Pranger steht. Sie tut das im Interesse der Firmeneigentümer. Je höher der Gewinn, desto höher die Dividende, und umso größer ist dann der Vermögenszuwachs bei den Aktionären.

Neue Organisationsformen nötig

Für Professor Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, zeigt sich auch ein weiteres Problem der deutschen Autobauer. An den aktuellen Geschehnissen zeigt sich deutlich, dass in großen Teilen der Automobilindustrie ein ethisch-organisatorischer Kulturwandel stattfinden muss. Denn die Zeiten von geheimen Absprachen, Tricksereien oder Gesetzesbrüchen sollten in einer globalisierten, hoch dynamischen und transparenten Welt aus Eigeninteresse der Akteure der Vergangenheit angehören. Zudem können die deutschen Hersteller den Kampf der Welten gegen die Big-Data-Player aus dem Silicon Valley oder aus China ohnehin nur gewinnen, wenn sie sich organisatorisch und kulturell völlig neu aufstellen.

Ende der Verbrennungsmotoren

Für den Automobilexperten Professor Ferdinand Dudenhöfer steht mit dem organisatorischen Umbau der deutschen Automobilindustrie noch weit mehr auf dem Spiel. Es müsse aufgepasst werden, dass Deutschland im Bereich E-Mobility international nicht den Anschluss verpasst. So plant Frankreich zum Beispiel, ab 2040 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen, urteilte der Dudenhöfer erst vor kurzem und belegte dies mit der Tatsache, dass in China bereits ab dem nächstem Jahr acht Prozent aller Autos einen Elektromotor haben müssen. Und diese E-Quote soll dort künftig regelmäßig weiter steigen. China ist der größte Automarkt der Welt und setzt damit die Regeln. Ähnlich der Trend auch in Kalifornien, Holland und Norwegen, die alle aus der Verbrennungsmotor-Technologie aussteigen wollen. „Und wenn wir hier nicht mitmachen, sitzen wir irgendwann isoliert auf einer Insel und freuen uns an der Vergangenheit, aber die Zukunft gestalten dann andere, zum Beispiel Tesla“, so Dudenhöfer.

 

Autoren: Dieter Leicht / Michael Storks

Bild: Audi AG

Im Überblick

Ob die deutschen Automobilkonzerne Daimler, BMW, Volkswagen, Audi und Porsche gegen das Kartellrecht verstoßen oder „nur“ bestehende Gesetzeslücken geschickt genutzt haben, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Der neuerliche Skandal in der Automobil-Branche wird nicht ohne Folgen bleiben. Der Diesel-Antrieb steht weltweit vor dem Aus und die Elektromobilität ist auf dem Vormarsch. Und: die deutschen Autobauer scheinen diesen Trend zu verpassen.