„Altersarmut“ – nur ein Gespenst oder baldige Realität?

p395289 NEUNsight September 2017

Kaum ein Thema beschäftigt die Rentenexperten aller Parteien und Wirtschaftswissenschaftler so sehr, wie die zukünftige Ausgestaltung des deutschen Rentensystems. Aktuelle Studien schlagen Alarm und zeichnen ein düsteres Bild. Die NEUNsight fasst die komplexe Diskussion für Sie zusammen.

Unbefristete Jobs und lange beim gleichen Arbeitgeber – für viele Deutsche normal, für viele aber auch nicht. Stattdessen kennen immer mehr Menschen nur befristete Verträge, Mini-Jobs, Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne. Das deutsche Rentensystem ist auf diesen Wandel der Arbeitswelt nicht ausreichend vorbereitet, das Altersarmutsrisiko steigt weiter, so das ernüchternde Ergebnis einer aktuellen Bertelsmann-Studie vom Juni 2017.

Jeder fünfte Neurentner betroffen?

Die Studie liefert zudem erstmals Erkenntnisse über den Verlauf der Altersarmut bei den „Babyboomern“, den geburtenstarken Jahrgängen der 1950er und 1960er Jahre, die ab 2022 in Rente gehen. Unter zukünftigen Rentnern dieser Generation steigt das Altersarmutsrisiko bis 2036 auf 20 Prozent (2015: 16 Prozent). Damit wäre künftig jeder fünfte Neurentner von Altersarmut bedroht. Als armutsgefährdet gelten Rentner, wenn ihr monatliches Netto-Einkommen unter 958 Euro liegt.

Doch noch sind jene, die heutzutage älter als 65 Jahre sind, nur unterdurchschnittlich von der sogenannten Altersarmut betroffen. Nur ein Bruchteil ist auf die Grundsicherung im Alter angewiesen (3,0 Prozent). Doch die Finanzexperten und Sozialversicherungsverbände warnen vor einem anhaltenden Trend, der im Zuge mehrerer Statistiken zu erkennen ist: Seit dem Jahr 2005 steigt die Anzahl jener Rentner, die Grundsicherung beziehen – gleichzeitig ist die Hartz-IV-Quote jedoch gesunken. Doch was bedeutet dieser Umstand für die Zukunft?

Bis 2030 bleibt die Altersarmut ein Gespenst

Mittelfristig – so also bis zum Jahr 2030 – bleibt die Altersarmut nur ein Gespenst. Bleibt es bei der aktuellen Gesetzeslage, so kann davon ausgegangen werden, dass die Altersarmut keinesfalls zum Massenphänomen wird. Das Bundeswirtschaftsministerium ist der Ansicht, dass der Anteil jener Rentner, die eine Grundsicherung beziehen werden, gerade einmal um 5,4 Prozent steigen wird. Viele Ökonomen sind aber der Ansicht, dass das Bundeswirtschaftsministerium zu „optimistisch“ sei; am Ende wird der prozentuelle Anstieg aber im einstelligen Bereich bleiben.

Armutsgefährdung als neues Phänomen

Problematisch sei jedoch die sogenannte Armutsgefährdung: Im Jahr 2030 wird die Armutsrisikoquote deutlicher höher sein – die Rentner können zwar von ihren Einnahmen leben, müssen aber Einschränkungen akzeptieren. Unvorhergesehene Zahlungen können am Ende schon der ausschlaggebende Punkt sein, so dass finanzielle Probleme zur Realität werden. Die langfristige Prognose sieht ebenfalls düster aus. Die Altersarmut wird, vor allem nach dem Jahr 2030, steigen.

Ein zukünftiges Massenphänomen?

Die Tatsache, dass die Altersarmut ab dem Jahr 2030 deutlich problematischer wird, beruht auf vielen Gründen. Einerseits liegt es an der Zunahme der unsteten Erwerbsbiografien, andererseits auch an der Zunahme der prekären Beschäftigungsverhältnisse. Der Niedriglohnsektor wird in den kommenden Jahren noch mehr ausgeweitet; auch die Tatsache, dass die Renten-Beitragszahlungen für Langzeitarbeitslose abgeschafft werden, begünstigt die Altersarmut.

Fakt ist: Der heutige Erwerbsarmut wird die morgige Altersarmut werden. Selbst Menschen, die heute einen Job haben und mitunter aktuell nicht von der Altersarmut gefährdet sind, könnten im Jahr 2030 in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Das liegt an der Tatsache, dass rund 7,1 Prozent, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, ein sehr geringes Einkommen haben. In weiterer Folge sind die Rentenbeiträge so gering, dass die Altersarmut bereits beschlossene Sache ist.

 

Autoren: Dieter Leicht / Michael Storks

Bild: Butch (fotolia.com)

Im Überblick

Die sich wandelnden Beschäftigungsverhältnisse und die demographische Entwicklung der Bevölkerungsstruktur sind die entscheidenden Punkte, die eine Altersarmut oder Armutsgefährdung im Alter begünstigen. Dazu kommt eine Ausweitung der Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnsektor, die zu nur geringen Rentenbeiträgen führt.