„Loslassen und Platz schaffen für Neues“

p395289 NEUNsight September 2017

Nur wenige Nachfolgeprozesse in Unternehmen scheitern an den betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten der potentiellen Nachfolger. Vielmehr sind die Ängste und Unsicherheiten der noch agierenden Firmenpatriarchen ein Hauptgrund für immense Probleme, die ohne externe Hilfe kaum zu bewältigen sind. Winfried Neun, Experte in Unternehmensnachfolgeprozessen, erläutert im Interview, wie solche psychologischen Hürden erfolgreich umgangen werden können.

NEUNsight:

Immer wieder können sich Firmeninhaber nicht von „Ihrem“ Lebenswerk trennen und rechtzeitig für eine geordnete Nachfolgeregelung sorgen. Spielen Ängste eine entscheidende Rolle und wie manifestieren sich diese?

Winfried Neun:

Ängste spielen eine entscheidende Rolle, wenn Unternehmer sich nur schwer von „Ihrer Firma“ lösen können. Die Angst vor einer zukünftigen Sinnlosigkeit des eigenen Seins und vor einer fehlenden Herausforderung gepaart mit der Angst durch die fehlende Aufgabe in der Bedeutungslosigkeit zu versinken sind bestimmende Faktoren eines zumindest erschwerten Nachfolgeprozesses. Vielfach ist auch die Angst vor der Zerstörung des „Lebenswerks“ durch die Nachfolger ein Hauptgrund, warum Firmenpatriarchen sich nur sehr zögerlich von ihrer bisherigen Position trennen können. Im Grunde spielen vorwiegend Ängste und Unsicherheiten eine wichtige Rolle im Nachfolgeprozess. Diese gilt es gezielt zu überwinden und psychologische wie betriebswirtschaftliche Hilfestellungen auch von externer Seite anzunehmen.

NEUNsight:

Was ist unter dem Begriff des „Entlernens“ in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Winfried Neun:

Im wahrsten Sinne des Wortes muss „Platz geschaffen“ werden für Neues. Viele Unternehmer, die eine Nachfolge angehen, müssen sich von gewohnten Routinen und Prozessen lösen, um neue Aufgaben angehen und neu erlernen zu können. Sich ohne neue Ziele als ausscheidender Unternehmer in den so wohlverdienten Ruhestand zu begeben, scheitert nach meinen Erfahrungen in der Praxis fast immer. Und: es treten unausweichlich Probleme auf, wenn alte und neue Routinen aufeinander treffen. Es muss daher Raum für „Neues“ geschaffen werden.

NEUNsight:

Bedeutet der Verlust von gewohnten Abläufen auch einen Verlust an Sicherheit?

Winfried Neun:

Eindeutig ja, denn Routinen entlasten und helfen dabei den Überblick nicht zu verlieren. Fehlt dieser Mechanismus, so ist Unsicherheit aufgrund fehlender Routine die logische Folge. Diese eigene Unsicherheit führt dann zwangsläufig zu einem ständigen und fast zwanghaften Prüfverhalten des Ist-Soll-Zustands.

NEUNsight:

Ist die Negierung einer sinnvollen Nachfolgeregelung auch eine Nicht-Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und in welchen Zeiträumen sollten Unternehmer planen, wenn eine Nachfolgeregelung erfolgreich durchgeführt werden soll?

Winfried Neun:

Die Negierung einer Nachfolgeregelung ist nicht unbedingt eine Nicht–Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Diese ist etwas „Unfassbares“, nicht greifbar und daher in der konkreten Situation noch weit entfernt. Was den zweiten Teil Ihrer Frage angeht, so rate ich aus meinen Beratungserfahrungen heraus zu einem Übergangszeitraum von fünf bis acht Jahren, besser wären sogar zehn Jahre, in denen ein Nachfolger, ein „zweiter Mann“ sozusagen aufgebaut und im Unternehmen etabliert wird.

Interview: Michael Storks

Foto: Marco2811 (fotolia.com)

Winfried Neun, Geschäftsführer K.O.M. GmbH

 

Im Überblick

Eine geregelte Unternehmensnachfolge erfolgreich zu bewerkstelligen ist keine Aufgabe von wenigen Monaten. Es dauert mitunter bis zu 10 Jahre, so Expertenmeinungen, um einen soliden Übergang zu realisieren. Dass dieser auch kaum ohne externe Hilfe möglich ist, steht ebenso außer Zweifel wie die Berücksichtigung psychologischer Faktoren, die den Wechsel erschweren können.