Reform des Studiums: Hat Bologna versagt?

p395289 NEUNsight September 2017

Sind die intellektuellen Anforderungen an deutsche Studenten seit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen gesunken? Ehemalige Diplom- und Magisterabsolventen werden nicht müde, den Qualitätsverlust  an deutschen Universitäten zu beklagen. Haben Sie damit Recht? Die NEUNsight kommt zu einem anderen – nicht weniger – beklagenswerten Ergebnis.

Ein kurzer Blick zurück zur Erläuterung:: Mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge im Jahr 1999 fand an den europäischen Universitäten eine große Umstrukturierung statt, welche bis heute andauert. Fast alle Studiengänge wurden bereits auf dieses System umgestellt, es wird aber noch diskutiert, ob auch der Abschluss Staatsexamen, welcher unter anderem noch in Jura, Medizin und Rechtswissenschaften absolviert wird, abgeschafft werden soll.

Gesunkenes akademisches Niveau?
Seit der Studienreform gibt es weitläufige Diskussionen über deren Sinnhaftigkeit und oft stellt sich die Frage, ob seit dieser das Niveau an deutschen Hochschulen gesunken wäre.
Tatsächlich gab es erst kürzlich eine Studie, welche die Kenntnisse von Studenten im Bereich deutscher Grammatik und Rechtschreibung untersuchen sollte. Die Ergebnisse waren traurig. Das Problem liege wahrscheinlich bereits in der Schulbildung, welche die Schüler nicht angemessen auf die Universität vorbereite. So ist auch das Niveau im Bereich Abitur gesunken. Mittlerweile liegt die Abiturientenquote eines Jahrgangs bei fast 40 Prozent und darüber.

Ist die Schule an allem schuld?

Da es unwahrscheinlich ist, dass der Intelligenzquotient jedes Jahr steigt, ist natürlich anzunehmen, dass das Niveau der Schulbildung herunter gebrochen werden muss, da die Schulen eine hohe Durchfallquote vermeiden wollen. Dieser Anpassung müssen sich auch die Universitäten beugen. Und auch hier sollen natürlich so viele Studenten wie möglich aufgenommen werden.

Hohe Abbrecher-Quote

Im Gegensatz zum System in den USA, wo die Einstufungstests erst an den Hochschulen durchgeführt werden, wird hierzulande meist nur nach der Note des Abiturs entschieden, ob jemand den Anforderungen der Universität gewachsen ist. Einige Studenten merken oft erst während des Studiums, ob dieser Weg wirklich für sie geeignet ist und es entsteht eine hohe Quote von Abbrechern .

Erreicht man einen Abschluss an einer deutschen Hochschule, so ist man Akademiker. Hierin unterscheidet sich das System von anderen Ländern, in welchen man teilweise im Studium einen Beruf erlernt, wie man es hier nur von der Berufsausbildung kennt. Und es stellt sich die Frage, ob unser Land wirklich so viele Akademiker benötigt. Jährlich sind viele Lehrstellen unbesetzt und überall schreit es nach Fachkräften. Ein Studium bildet jedoch solche Fachkräfte nicht aus.

Der Bachelor reicht nicht!

Nicht ohne Grund hat ein beträchtlicher Teil der Studierenden große Probleme beim Finden einer Anstellung nach dem Studium. Der Gedanke des Bologna-Prozesses war es, nach dreijähriger Ausbildung, also mit der Absolvierung eines Bachelor-Abschlusses, bereit zu sein, kompetent einen Beruf auszuüben. Doch meistens wird im Anschluss ein Masterstudiengang erwartet, und nur mit diesem Abschluss haben die Absolventen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Viele sehen daher die Studienreform aus dem Jahr 1999 als gescheitert an und der Grund liegt weniger in der Reform, sondern in den Studieninhalten und in der vorhergehenden Schulausbildung, deren Qualität eindeutig nachgelassen hat.

Autor: Dr. Franz Holland

Bild: Marco2811 (fotolia.com)

Im Überblick

Obwohl empirische Daten zur Studienqualität kaum vorliegen, sind Experten sich einig: nicht die Universitäten haben ein Qualitätsproblem, sondern die Schulen. Linksliberale Bildungspolitik wollte vielen Schülern einen Weg in das Abitur bieten, so dass neben dem klassischen Gymnasium weitere Formen des Zugangs zum Abitur entwickelt wurden, deren Anforderungen nicht denen des Gymnasiums entsprechen. Leistungsvergleiche zwischen diesen Schultypen belegen den Unterschied. Im Jahr 2016 machten mehr als 41 Prozent eines Jahrgangs Abitur, 2006 lag diese Zahl noch bei 30 Prozent.