Ungelöste Nachfolge: Wenn Patriarchen nicht gehen wollen

p395289 NEUNsight September 2017

Was haben Anton Schlecker, Ferdinand Piech, Adolf Merckle und Helmut Horten gemeinsam? Sie waren Unternehmenspatriarchen, die jahrzehntelang die Geschicke ihrer Konzerne unangefochten führten. Als sie ausschieden, entlassen wurden, Pleite gingen  oder verstarben, nahmen ihre Unternehmen immensen Schaden oder verschwanden ganz vom Markt. Der häufigste Grund ihres Misserfolgs: eine ungelöste Nachfolge oder das eigene Festhalten am Chefsessel.

Wer in einem Familienunternehmen über Jahre entscheidenden Einfluss auf dessen Entwicklung genommen hat, möchte bis ins hohe Alter die Fäden in der Hand halten. Nachwuchs wird klein gehalten. Sogar die eigenen Kinder oder mit gleichen Firmenanteilen versehenen Brüder werden bekriegt. Sie werden mit Intrigen oder Prozessen über Jahre von der Spitze ferngehalten oder aus dem Aufsichtsrat verdrängt. Schlammschlachten wie die zweier Brüder um die Traditionsbrauerei Gaffel belegen, dass ein Patriarch familieninterne Machtkämpfe nicht im Vorfeld schon aushebelt. Die Verquickung familiärer und betriebswirtschaftlicher Interessen endet oft mit unheilvollen Konsequenzen.

Der Patriarch klammert an der Macht

Beispiele wie Ferdinand Piëch zeigen, dass es in Familienunternehmen um Machterhalt und den Erhalt der Einflussnahme geht. Dabei spielen oft Aktienbesitz und gute Vernetzung in Wirtschaft und Politik tragende Rollen. Die Chance auf inhaltliche Neuausrichtungen wird blockiert. Wenn einer alle Macht in seinen Händen hält, versteht er Vorschläge zur Neuausrichtung oft als Kritik an seinem Führungsstil. Unterdessen verändert sich der Markt. Die Unternehmensziele veralten. Herausforderungen werden bagatellisiert, Misserfolge schöngeredet. Anton Schlecker hätte den Ruin seiner Drogeriekette kommen sehen können. Aber er machte sich blind. Schließlich versuchte er – offensichtlich mit illegalen Mitteln – zu retten, was zu retten ist. Vor allem für die Familie. Das Schicksal der entlassenen Mitarbeiter war nicht sein wichtigstes Anliegen.

Pleite vorprogrammiert

Dass Familienunternehmen wie Sal. Oppenheim, Schlecker oder Schiesser eine Pleite hinlegen, ist zum großen Teil der Allmacht der Patriarchen zu verdanken. Patriarchale Konzernlenker arbeiten nicht teamorientiert. Sie behalten sich das Recht vor, wichtige Entscheidungen zu blockieren und innovative Vorschläge zu ignorieren. Was einst als ihre Stärke galt, wird später oft zu ihrem größten Schwachpunkt. Das Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt in andere Hände zu übergeben, fällt schwer. Es ruft ein Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht hervor. Zudem fehlt den Patriarchen oft eine Lebensaufgabe, mit der sie sich ihren Abschied versüßen. Die hohe Identifikation mit dem eigenen Unternehmen wird zur Falle.

Loslassen mit Konsequenzen

Der Großindustrielle Adolf Merckle wählte lieber den Freitod, als die Führung seiner krisengebeutelten Unternehmensgruppe anderen zu überlassen. Ferdinand Piech wählte den Weg in den Kleinkrieg. Er riskierte die Lächerlichkeit, statt seinen Nachfolger – einst von ihm selbst dazu auserkoren – zu stärken.

Autorin: Klara Moon

Im Überblick

Mehr als eine halbe Million Unternehmensnachfolger werden bis Ende 2018 allein im Mittelstand gesucht. Die Zeit der Patriarchen nähert sich dem Ende und eine neue Generation von Nachfolgern steht on den Startlöchern. Doch vielfach kleben die Gründer an ihren Stühlen, teilweise aus der Angst vor Machtverlust, teilweise weil sie ihr Lebenswerk nicht in andere Hände übergeben wollen. Bleiben Patriarchen zu lange an der Unternehmensspitze hat dies häufig negative wirtschaftliche Auswirkungen wie die Vergangenheit gezeigt hat.