Nudging – weit mehr als ein Psychotrick!

p395289 NEUNsight Dezember 2017

Seit bekannt wurde, dass Richard Thaler den Nobelpreis für Wirtschaft erhält, ist der Begriff in aller Munde: Nudging. Doch was hat es mit dem „Anstupsen“ auf sich, und wird es bereits heute angewandt? Die NEUNsight zeigt Beispiele auf und wirft einen Blick in die Zukunft!

Vertieftes Nachdenken braucht viel Energie. Menschen lassen sich bei ihren alltäglichen Entscheidungen daher meist von Intuition und Emotionen leiten. Dabei verstoßen sie oft gegen ihre eigenen Interessen: Sie rauchen, essen ungesund, treiben zu wenig Sport und investieren nicht genug in die Altersvorsorge. Der Gesetzgeber versucht deshalb, die Individuen durch eine wachsende Zahl von Ge- und Verboten vor sich selbst zu schützen.

Sanfter Anstoß statt Zwang

Einen liberaleren Ansatz präsentieren der Ökonom Richard Thaler von der Universität Chicago und der Harvard-Rechtsprofessor Cass Sunstein in ihrem Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstöß“. Nicht Zwang, sondern ein sanfter Anstoß – ein Nudge – soll die Menschen zu vernünftigeren Entscheidungen bewegen, ohne ihnen die Wahlmöglichkeit zu nehmen.

So schlagen Thaler und Sunstein vor, den Obstverzehr zu fördern, indem Kantinen Früchte im Blickfang des Kunden aufstellen, während sie die Süßigkeiten etwas diskreter platzieren. Als weiteres Beispiel dient den beiden Professoren die betriebliche Altersvorsorge in den USA. Viele Arbeitnehmer gehen nach ihrer Pensionierung leer aus, da sie versäumt haben, sich für einen Pensionssparplan anzumelden. Wenn es nach Thaler und Sunstein ginge, müssten amerikanische Arbeitnehmer automatisch an der betrieblichen Vorsorge teilnehmen, hätten aber das Recht, sich abzumelden oder einen anderen Sparplan auszuwählen. Mit einer ähnlichen Idee möchten die Buchautoren den Organmangel bekämpfen: Jeder soll zum Organspender werden, sofern er sich nicht ausdrücklich dagegen entscheidet.

Großes politisches Interesse

In der Politik stößt das Nudging auf reges Interesse. Weltweit haben mehr als 80 Regierungen Arbeitsgruppen eingesetzt, die konkrete Vorschläge erarbeiten sollen. Ein solches Expertenteam hat die britische Regierung auf die Idee gebracht, säumigen Steuerzahlern im Mahnbescheid ein Foto ihres Autos zuzustellen – mit der Drohung, es zu pfänden. Weniger forsch handelt der australische Bundesstaat New South Wales. Er hofft auf die Wirkung des Gruppendrucks, wenn er seinen Steuersündern mitteilt, wie viele Nachbarn die Steuern schon gezahlt haben.

Erfolge der jüngsten Vergangenheit

Barack Obama war ein begeisterter Anhänger vom Nudge-Prinzip und setzte 2008 im Wahlkampf auf den Rat von Verhaltensökonomen. Deren Konzepte sollten Wähler dazu bewegen für Obama zu stimmen. Obama machte den Harvard-Professor Cass R. Sunstein vorübergehend zum Chef einer Regulierungsbehörde. Dieser schrieb mit Richard H. Thaler den Bestseller „Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Die Autoren gehen wie bereits am Anfang beschrieben davon aus, dass der „Homo oeconomicus“ – der wirtschaftlich denkende Mensch, der sich primär rational verhält – im Alltag eine Ausnahmeerscheinung ist. Nudge soll einen sprichwörtlichen Anstoß (Anstupser) liefern, um danach, kluge Entscheidungen zu treffen.

Die Verhaltensökonomie hat gezeigt, dass Emotionen beim menschlichen Handeln eine zentrale Rolle spielen und dass diese Emotionen in Gruppen das Verhalten stark beeinflussen können. Stichwort Herdentrieb. Bricht eine Börseneuphorie angesichts ständig steigender Kurse aus, so beeinflussen deren Emotionen das Handeln von ansonsten eher konservativen Sparern, die nun ihrerseits zumindest in Erwägung ziehen, Aktien zu kaufen. In der Wirtschaft ist das Nudge-Prinzip allgegenwärtig. Teure Produkte sind in der Regel auf Augenhöhe angebracht, preiswerte weit unten, in der sogenannten „Bückuzone“.

Warum es uns so schwer fällt, das Richtige zu tun

In der Fachwelt erhielt die Nobelpreis-Akademie für ihre Entscheidung Beifall. „Richard Thalers Forschung ist hochaktuell und bietet nicht nur neue Einsichten, sondern auch praktische Lebenshilfen“, so der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, gegenüber der Deutschen Presse Agentur (dpa). „Er hat in seiner Forschung gezeigt, dass Menschen häufig nicht vollständig rational handeln, sondern eher einfachen Entscheidungsregeln folgen.“ Doch warum braucht es überhaupt Anreize wie Anstupser oder Anstöße von außen, um das Richtige zu tun, wenn man doch eigentlich weiß, was das Richtige ist? Warum fällt es uns so schwer? Darüber können Sie in der Neuauflage des Buches von Winfried Neun „Warum es uns so schwer fällt, das Richtige zu tun.“ lesen.

Autoren: Edgar Lamm / Michael Storks

Bild: thingamajiggs (fotolia.com)

Im Überblick

Das Nudging stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung. Kritiker sehen darin eine unzulässige Bevormundung. Sie bezweifeln, dass Dritte – insbesondere der Staat – besser wissen, was für den Einzelnen gut ist. Statt auf sanfte Stupser setzen sie auf mehr Bildung, in der Hoffnung, die Bürger damit zu besseren Entscheidungen zu befähigen. Die bisher erzielten Resultate des Nudging lassen allerdings erwarten, dass dieser Ansatz sich durchsetzen und weiter verbreiten wird.