Verhaltensökonomie – ein Nobelpreisträger erläutert was dahinter steckt!

p395289 NEUNsight Dezember 2017

Mit der Verleihung des Nobelpreispreises für Wirtschaftswissenschaften an Richard H. Thaler ist der Begriff der Verhaltensökonomie in aller Munde. In der NEUNsight erläutert der Nobelpreisträger die Grundzüge seiner Forschung. Lesen Sie mehr!

Unter Verhaltensökonomie (auch Verhaltensökonomik) wird das Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften verstanden, das sich mit dem Verhalten von Menschen in einem wirtschaftlichen Kontext beschäftigt. Dabei spielen auch psychologische Aspekte eine entscheidende Rolle. Ein Kernthema der Verhaltensökonomie sind Situationen und Konstellationen, die von dem klassischen Modell des Menschen als rationalen Nutzenmaximierer (des Homo oeconomicus) abweichen.

Die Entwicklungsgeschichte

Ursprünglich spielten psychologische Aspekte in den Wirtschaftswissenschaften eine große Rolle. Bei Adam Smith, der als Gründer der klassischen Nationalökonomie gilt, war die Betrachtung der psychologischen Komponenten bei den wirtschaftlichen Handlungen von Menschen ein wichtiger Faktor. Erst in der daran anschließenden neoklassischen Theorie trat, unter Anlehnung an den Naturwissenschaften, der Fokus auf psychologische Aspekte in den Hintergrund. Die neoklassische Theorie ist die vorherrschende Richtung in den Wirtschaftswissenschaften. Zu ihr gehört auch das Modell des rationalen Nutzenmaximierers. Nach diesem Modell handelt der Mensch in wirtschaftlichen Situationen nach rationalen Abwägungen und primär aus Eigeninteresse. Diese Hypothese wurde in der Empirie jedoch nur teilweise bestätigt und es gab einige Abweichungen. Um diese Abweichungen zu untersuchen, haben Ökonomen Techniken und Kenntnisse aus der kognitiven Psychologie herangezogen. Daraus entwickelte sich schließlich die Disziplin der Verhaltensökonomie.

Methoden der Verhaltensökonomie

Im Zentrum der Verhaltensökonomie stehen Experimente. Ursprünglich bestanden diese vor allem in Form von Beobachtungen und Befragung. Es werden auch Marktsituationen, wie etwa der Börsenhandel, simuliert, beobachtet und ausgewertet. Heute spielt zunehmend die Neurowissenschaft eine Rolle, mit deren Hilfe die beteiligten Hirnregionen bei jedem einzelnen Schritt der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden können. Darüber hinaus kann, neben speziell entworfenen Experimenten, auch tatsächliches Marktverhalten durch Befragung und Betrachtung der Umstände analysiert werden.

Erkenntnisse der Verhaltensökonomie

Es gibt drei zentrale Themen der Verhaltensökonomie, die auch zentralen Erkenntnissen entsprechen:

  • Die Heuristik: das tatsächliche Entscheiden von Menschen funktioniert tendenziell eher mittels einfacher, fester Regeln, die im Einzelfall angewandt werden und weniger aufgrund einer ausführlichen rationalen Analyse von allen Möglichkeiten bei jedem Einzelfall.
  • Einordnung (oder auch Voreingenommenheit): Die subjektiven Vorstellungen des Entscheidenden beeinflusst dessen Entscheidung
  • Unvollkommene Märkte: es gibt eine Reihe von Markthandlungen, die unvernünftig und ineffizient sind. Diese Abweichungen von der neoklassischen Theorie des vollkommenen Marktes werden durch psychologische Komponenten erklärt.

Die aktuelle Bedeutung

Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ging 2017 an einen der führenden Verhaltensökonomen, Richard H. Thaler. Dieser zeichnet sich besonders durch seine Arbeiten zur Erklärung unvollkommener Märkte aus und ist ein großer Kritiker der umstrittenen These des rationalen Nutzenmaximierers. Stattdessen betont er sowohl emotionale als auch altruistische Komponenten bei der Entscheidungsfindung in wirtschaftlichen Situationen. In Nachfolgenden haben wir für Sie das erste Interview von Richard Thaler nach Bekanntgabe der Auszeichnung als Audio-Datei und Text zusammengestellt.

Autor: Frank Altmann / Michael Storks

Bild: Richard Thaler / University Chicago

 

„Unsere Forschung hat die Rentensysteme auf der ganzen Welt stark verändert“

Die NEUNsight bietet Ihnen das Interview mit Richard H. Thaler an, das direkt nach der Bekanntgabe des Nobelpreises in Wirtschaftswissenschaften von Adam Smith, Chief Scientific Officer von Nobel Media mit dem Ausgezeichneten geführt wurde. Im Interview beschreibt Richard H. Thaler einige der Auswirkungen seiner Arbeiten zur Verhaltensökonomie. Er erklärt auch das Konzept des Nudge“, des sogenannten „Anstupsens“, einem zentralen Punkt seiner Forschungen.

Direkter Link zum englischsprachigen Interview

Das Interview in deutscher Übersetzung:

Adam Smith:
Die Menschen kennen Sie vielleicht am besten für Ihr Buch „Nudge“, das vor fast einem Jahrzehnt veröffentlicht wurde. Für diejenigen, die es nicht wissen, können Sie beschreiben, was ein Nudge ist?

Richard H. Thaler:
Ein Nudge ist eine Eigenschaft oder Maßnahme, die das Verhalten von Menschen verändert, aber das Verhalten von rational agierenden Ökonomien, die wir Econs nennen, nicht ändern würden. Ein Beispiel dafür sind zwei Anstöße im schwedischen Rentensystem. Eines schuf einen Standard, den Menschen nehmen würden, wenn sie keine Wahl hätten. Der andere Nudge war eine Werbekampagne, die die Menschen ermutigte, den Standard nicht zu übernehmen. Das Konzept, das wir gerade schreiben, ist eine Art Kampf dieser beiden Nudges.

Adam Smith:
Was ist Ihr Lieblingsbeispiel für einen erfolgreichen Nudge?

Richard H. Thaler:
Am erfolgreichsten war die Einführung einer automatischen Einschreibung in Pensionspläne. Standard wurde der automatische Beitritt und nicht erst die eigene Entscheidung zum Beitritt. Dies wurde kürzlich bei der Einführung des nationalen Rentensparplans in Großbritannien eingesetzt und die Umsetzungsraten liegen bei weit über 90 Prozent.

Adam Smith:
Es ist 15 Jahre her, dass Ihr Freund Daniel Kahneman den Preis erhalten hat. Ich nehme an, dass Sie seither ein absolutes Aufblühen des Bereichs der Verhaltensökonomie gesehen haben. Hat die Verhaltensökonomie nun einen Punkt erreicht, an dem sie für die Politik von Nutzen sein kann?

Richard H. Thaler:
Ganz sicher. Ich denke, unsere Forschung hat die Rentensysteme auf der ganzen Welt stark verändert. Die Idee von „Save More Tomorrow“, wo sie Leute einladen, sich irgendwann in der Zukunft zu engagieren, war ziemlich erfolgreich. In den USA haben bis zu 25 Millionen Menschen an diesem Programm teilnehmen können. Länder auf der ganzen Welt, beginnend mit dem Vereinigten Königreich, haben Verhaltensintelligenz-Teams gegründet, die oft als Schubeinheiten bezeichnet werden. Und sie scheinen viel Gutes zu tun.

Adam Smith:
Nur noch eine letzte Sache. Wir alle denken gerne, dass wir anders sind, oder? Aber irgendwie bringt uns Ihre Arbeit zu einer vereinheitlichenden Theorie. Gibt es da eine Diskrepanz zwischen dem individuellen Glauben der Menschen an ihre eigene Individualität und Ihren Forschungen?

Richard H. Thaler:
Menschen sind grundsätzlich unterschiedlich. Das wichtigste Ergebnis der Forschungen von Kahneman und Tversky ist nicht, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir im Durchschnitt in die gleiche Richtung irren. Wir denken zum Beispiel alle, dass wir Projekte schneller abschließen als wir es tatsächlich tun – und dies obwohl klar ist, dass manche Menschen mehr zaudern als andere.

Quelle: Nobel Media 2017

Deutsche Übersetzung und Redaktion: Michael Storks