Biertrinker hinten anstellen!

p395289 NEUNsight Februar 2018

Wir alle haben es schon erlebt: Wir lassen in der Schlange an der Supermarkt-Kasse jemanden vor oder werden vorgelassen. Über die psychologischen Hintergründe dieser Entscheidung machen wir uns dabei keine Gedanken, aber tatsächlich ist diese Handlung nicht so spontan, wie man meinen mag…

Wenn wir Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern einen Gefallen tun, dann machen wir dies meist entweder, weil wir die jeweilige Person mögen und ihr deshalb gerne helfen, oder weil wir uns über kurz oder lang eine Gegenleistung erhoffen. Helfen wir Fremden, können wir diese beiden Gründe jedoch ausschließen. Wir wissen nicht, ob wir es mit einer sympathischen Person zu tun haben und da wir sie wahrscheinlich nie wieder sehen, können wir auch nicht damit rechnen, dass sie uns auch irgendwann aushilft. Aber warum sind wir dennoch häufig dazu bereit, jemanden beim Einkaufen vorzulassen? Dieser Frage sind Frank Eggert und Florian Lange vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig nachgegangen.

Alltagssituation unter die Lupe genommen

Die beiden Mitarbeiter der Abteilung für Psychologische Methodenlehre und Biopsychologie haben hierzu eine Feldstudie durchgeführt, welche im US-amerikanischen Fachjournal Human Nature erschien. Das Ergebnis: Die Entscheidung der Kunden, ob sie jemanden vorlassen oder nicht, hängt wohl von zwei Faktoren ab. Zum einen vom ersten Eindruck, den sie von der Person hinter sich in der Schlange haben, zum anderen vom potentiellen Kosten-Nutzen-Verhältnis ihrer Handlung. Für die Studie haben sich zwei männliche Teilnehmer jeweils 30 mal mit einer Flasche Bier und 30 Mal mit einer Flasche Wasser an einer Supermarkt Kasse angestellt. Dabei wurde keine bestimmte Reihenfolge eingehalten und das Produkt war jedes Mal gut sichtbar für die Miteinkäufer.

Du bist, was du trinkst?

Wollte einer der Probanden Wasser kaufen, wurde er deutlich öfter vorgelassen als beim Kauf des Bieres. Da andere Studien bereits zeigen konnten, das Biertrinker im Allgemeinen als charakter- und verantwortungslos eingeschätzt werden, liegt die Vermutung nahe, dass die Leute, die die Bierkäufer nicht vor lassen wollten, glaubten, dass diese Ihnen in einer umgekehrten Situation auch nicht helfen würden. Zudem könnte man Bier auch mit Freizeit in Verbindung setzen. Andere Supermarkt-Besucher könnten also davon ausgehen, dass der Bierkäufer mehr Zeit hat als der Wasserkäufer und es deshalb nicht so schlimm wäre, ihn warten zu lassen. Zudem könnte jemand, der eine Flasche Wasser kaufen will, sehr durstig sein und dementsprechend einen gewissen Leidensdruck haben, den andere Käufer ihm bereitwillig nehmen möchten.
Weitere Studien nötig

Neben dem Produkt in der Hand der Testperson kam es auch auf die Artikel der Wartenden an. Je voller deren Einkaufswagen war, desto eher ließen sie die Tester vor. Eine Kosten-Nutzen-Analyse: Je größer die gesparte Zeit der Testperson gegenüber der zusätzlichen eigenen Wartezeit war, desto eher ließen die Kunden die Tester vor. Und das, obwohl sie selbst keinen direkten Nutzen davon hatten. Dabei handele es sich um indirekte Reziprozität, erklären die Wissenschaftler. Jemanden vorzulassen steigere einerseits den guten Ruf des Wohltäters, andererseits aber auch die zukünftige Hilfsbereitschaft der vorgelassenen Person gegenüber Dritten. So interessant diese Studie auch ist – die Forscher sind sich einig, dass weitere Untersuchungen nötig sein werden, um die Hilfsbereitschaft unter Fremden noch besser verstehen zu können.

Autor: Josephine Krieg

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Warum wir zu bestimmten Anlässen und Situationen zu dem einen oder anderen Menschen besonders freundlich oder besonders ablehnend gegenüber stehen ist, ist bisher nur ansatzweise untersucht. Im Alltagstest an der Supermarktkasse spielen die Art der gekauften Ware und die Menge eine Rolle.