Industrie 4.0: Zwischen Hype und Ernüchterung

p395289 NEUNsight März 2018

Erinnern Sie sich noch? Der Terminus „Industrie 4.0“ beherrschte vor noch nicht allzu langer Zeit die Schlagzeilen und die IT-Vordenker sahen sich mit der nunmehr vierten industriellen Revolution auf dem Weg zu sich selbst steuernden Fabrikhallen. Und heute? Der Hype ist verschwunden und mit ihm die Zukunfts-Visionen. Geblieben ist stattdessen typisch deutscher und ziemlich ernüchternder Zwist um einheitliche Standards, Regeln und Gesetze.

Trotzdem ist „Industrie 4.0“ laut einer Studie des IT-Branchenverbands Bitkom in vielen deutschen Unternehmen längst keine Zukunftsvision mehr. Seit etwa drei Jahren habe die Vernetzung mit dem Internet in der klassischen Fertigung „rasant an Bedeutung gewonnen“, so Bitkom-Präsidiumsmitglied Michael Kleinemeier im Jahr 2017. 43 Prozent der IT-Unternehmen bieten bereits Dienstleistungen und Produkte für Industrie 4.0 an, ergab eine repräsentative Umfrage unter 314 ITK-Unternehmen ab drei Mitarbeitern. Damit hätten sich die Aktivitäten in diesem Bereich innerhalb von drei Jahren fast verdoppelt.

Dem Bitkom zufolge könnte die Vernetzung mit dem Internet in sechs zentralen Branchen in Deutschland bis 2025 für eine Produktivitätssteigerung in Höhe von bis zu 78,5 Milliarden Euro sorgen. Profitieren würden von der Transformation vor allem Branchen wie der Maschinen- und Anlagebau, die Automobilherstellung, Elektrotechnik und die chemische Industrie. Ein Wehmutstropfen: 63 Prozent der Befragten beklagten unterschiedliche Standards als Hemmnis für die digitale Transformation in der Fertigung. So gebe es etwa Schwierigkeiten beim Einbinden vorhandener Maschinen in den Werkhallen. Branchenübergreifende Standards seien aber „essenziell für den Erfolg von Industrie 4.0“, so Kleinemeier. „Maschinen und Produkte müssen ebenso einfach miteinander kommunizieren können wie Smartphones.“

Kann Industrie 4.0 platzen?

Ein Blick zurück als vielleicht ernüchternder Vergleich. Zu Beginn des Millenniums platzten die hohen Erwartungen an die New Economy. Könnte der Industrie 4.0 eine ähnliche Entwicklung drohen? Eine Studie gibt erste Antworten. „Wie bei vielen neuen Technologien haben wir auch bei der Digitalisierung der Fertigung einen anfänglichen Hype erlebt. Nach der zwischenzeitlichen Enttäuschung über ausbleibende konkrete Verbesserungen durch Industrie 4.0 überwiegt nun pragmatischer Optimismus“, erläutert McKinsey-Partner Andreas Behrendt in einem Medienbericht des Consulting-Riesen.

Deutsche Unternehmen sehen sich im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt: Fast jede zweite Firma gibt an, mittlerweile eine klare Sicht auf mögliche Anwendungsfelder – wie zum Beispiel vorausschauende Wartung oder intelligente Roboter – und deren Ertrag zu haben. Dies sind mehr als in jedem anderen Land. In einem weiteren Drittel der deutschen Unternehmen gibt es zumindest einen robusten Fahrplan und erste Tests. Das größte Potenzial sehen Unternehmen vor allem im digitalen Qualitätsmanagement und der Echtzeitüberwachung der Fertigung. Die größte Hürde bei der Umsetzung besteht laut Umfrage darin, die richtigen Fachkräfte zu gewinnen (21 Prozent). Fast ebenso häufig genannt werden mangelnde Fähigkeiten bei der Datensammlung und -analyse sowie unzureichende Datensicherheit (18 Prozent).

China auf dem Vormarsch

Damit sind die deutschen Unternehmen im Vergleich zum Jahr 2016  deutlich optimistischer, dass sie mit Industrie 4.0 höhere Umsätze und niedrigere Kosten erreichen können. Dies gilt ebenso für den internationalen Vergleich: 62 Prozent der deutschen Firmen schätzen das Potenzial größer ein als noch vor einem Jahr – ähnlich wie ihre Wettbewerber in den USA. In China sind sogar 86 Prozent der befragten Unternehmen beim Thema Industrie 4.0 positiver gestimmt. Und für China bestehen enorme Chancen. Dies ist die Meinung von Stefan Heng, Professor für digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Er kommt in seinem aktuell veröffentlichten Buch „Industry 4.0: Leapfrogging Chance for China“ zu folgendem Schluss: Mit Industrie 4.0 werden sich die Wertschöpfungsstrukturen in der gesamten Wirtschaft grundlegend umgestalten. Bei diesem Umgestaltungsprozess, der weltweit immer mehr an Fahrt aufnimmt, will China eine entscheidende Rolle spielen. Dazu hat die Politik dort verschiedene Förderprogramme aufgelegt. So unterstreicht der Fünfjahresplan und auch der „Made in China 2025“-Plan eindrucksvoll die prioritäre Stellung des Themas in der politischen Agenda. Sicherlich hat China hat bereits beachtliche Fortschritte erzielt, aber auch noch beachtliche Aufgaben zu stemmen. Hier erweist sich die Kombination aus langfristiger Vision und konkreten Handlungsinitiativen für das Land als überaus vielversprechend.

Deutschland im Mittelfeld

In Deutschland hingegen scheint die Digitalisierung noch ausbaufähig. In einem neuen Digitalisierungsindex landet Deutschland hinter anderen Industrienationen nur im Mittelfeld auf Rang 17. Es hapert vor allem beim Breitbandausbau und E-Government. Finnland, Schweden und Israel sind mit Werten zwischen 69,5 und 65,4 die Spitzenreiter im Digitalisierungsindikator, den das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) erstmals in Kooperation mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Rahmen einer breiteren Innovationsstudie erstellt hat. Deutschland schafft es mit 44,3 Punkten nur auf Rang 17 knapp hinter Irland, Taiwan und Frankreich.

Eine Studie der K.O.M.® Kommunikations- und Managementberatungs GmbH mit dem Titel „Industrie 4.0 – die vierte industrielle Revolution!“ zeigte bereits 2014 noch deutliche Schwachstellen in der Wahrnehmung und in der Umsetzung im deutschen Mittelstand auf, die sich bis heute energisch halten und die digitale Transformation behindern. Die Studie  zeigte deutlich auf, welche Bereiche besonders von der vierten industriellen Revolution betroffen sein werden. Für die Studie wurden Produktionsunternehmen im Maschinen- und Anlagenbau und im Bereich Automotive (vorwiegend Mittelstand / Zulieferer) befragt zu den Themenbereichen: Rahmenbedingungen / Strukturen der Einführung von CPS (Cyber-Physikalischen Systemen), Wertschöpfungsnetzwerke, Wissensmanagement und Anforderungen an die Mitarbeiter.

Im Fokus: Kapital und Umsetzungs-Strategie

Die Unternehmen, die sich mit Industrie 4.0 beschäftigten, nannten als erforderliche Umsetzungskriterien, um Maschinensysteme reibungslos in Unternehmen zu integrieren, vor allem ausreichendes Kapital und eine „gut ausgearbeitete Umsetzungsstrategie“. Mehr als ein Drittel der Befragten sahen zudem Veränderungen im Innovationsprozess ihres Unternehmens bei einer Einführung von miteinander vernetzten Maschinensystemen auf sich zukommen. Demnach wurde erwartet, dass die Kunden stärker in den Innovationsprozess eingebunden werden müssen, da diese über den Erfolg einer Innovation entscheiden. Auswirkungen, so die Studie, werde Industrie 4.0 auch auf die Wertschöpfungsnetzwerke mit Kunden haben. Der Lieferprozess werde deutlich verschlankt und weitestgehend automatisiert ablaufen. In Bezug auf Kundennetzwerke wird es neue Geschäftsmodelle in der Industrie 4.0 geben. So werden Produkte mit Sensorik und Mikrochips ausgestattet, um sie während des gesamten Produktlebenszyklus überwachen zu können. Verändern wird sich auch der Umgang mit Wissen in der Industrie 4.0. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, dass dieses für sie eine zentrale Kompetenz ist. Daher ist es folgerichtig, dass neue Methoden zur Vermittlung von Wissen und Informationen benötigt werden, um die Informationsflut für die  Mitarbeiter greifbar zu machen.

 

Autoren: Hannelore Brecht / Birger Dellmann / Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Die Umsetzung der vierten industriellen Revolution scheint ins Stocken geraten zu sein. Es wird hauptsächlich über fehlende Normen und Standards diskutiert, anstatt Chancen konsequent - wie beispielsweise in China – zu nutzen. Hier bietet die Allensbacher K.O.M. GmbH praxiserprobte Hilfe an. Mit einem eigens für die vierte industrielle Revolution entwickelten Beratungstool „KOM-i4.0“ werden die organisatorischen Schwachpunkte im Mittelstand gezielt angegangen und psychologische Hürden in den Unternehmen beseitigt.