„Der Handelskrieg klopft schon an die Tür“

p395289 NEUNsight März 2018

Schon die Ankündigung Donald Trumps, Strafzölle auf Stahl, Aluminium und importierte Kraftfahrzeuge zu erheben, sorgt für maximale Verunsicherung nicht nur bei den europäischen Regierungen. Winfried Neun, Verhaltensökonom und Chefredakteur der NEUNsight, sieht die Weltwirtschaft schon „in die Steinzeit zurückkatapultiert“ und erklärt, warum selbst Bürger sich von der Verunsicherung anstecken lassen.

NEUNsight:

Ist die europäische Wirtschaft tatsächlich so stark von den angekündigten amerikanischen Strafzöllen für Stahl- und Aluminiumimporte sowie Kraftfahrzeuge beeinflusst?

Winfried Neun:

Ich denke ja. Aus meiner Sicht droht ein Abschwung für die gesamte Weltwirtschaft. Dies liegt zu einem Großteil in der „America first“-Strategie von Trump begründet. Die noch größte Volkswirtschaft der Welt kann sich nicht abschotten, ohne dass dies ohne Wirkung auf den Rest der Welt bleibt.

NEUNsight:

Welche Auswirkungen befürchten Sie konkret?

Winfried Neun:

Die Einführung von Strafzöllen führt, da der amerikanische Markt im wahrsten Sinne des Wortes „dicht“ ist, zu einer Überschwemmung von Stahl- und Aluminiumprodukten durch alle internationalen Anbieter in Europa, was dramatische Preis-Erosionen zur Folge haben wird.

NEUNsight:

Wie ist aus Ihrer Sicht die Ankündigung zu bewerten, Strafzölle auch auf Automobilimporte auszudehnen?

Winfried Neun:

Die Art der Ankündigung von Donald Trump auch Strafzölle auf Automobilimporte aufzuerlegen, führt dann natürlich zu einem deutlichen Ausbremsen des Weltwirtschaftswachstums, da neben den Automobilherstellern auch deren Zulieferer direkt betroffen sein werden. Diesen Zulieferern bleibt nichts anderes übrig als neue Märkte mit neuen Produkten zu erschließen, die sie bisher aufgrund der seit Jahren boomenden deutschen Wirtschaft vernachlässigt haben. So genannte Blue-Ocean-Strategien sind nach meiner Meinung die einzige Möglichkeit für die meist mittelständischen Zuliefer-Unternehmen, ihr Überleben zu sichern.

NEUNsight:

Werden sich die Strafzölle wirklich positiv für die USA bemerkbar machen und warum kommt der amerikanische Präsident erst nach einem Jahr damit heraus?

Winfried Neun:  

Strafzölle haben nur einen begrenzten zeitlichen Effekt. Sie werden anfänglich die Wirtschaft unterstützen, auf mittel- bis langfristige Sicht aber belasten. Was den Zeitpunkt angeht, so ist die Abschottung nur folgerichtig aus der Sicht des Donald Trumps. Erst hat er das Land durch die Steuerreform für Investoren attraktiv gemacht, nun schottet er es gegenüber anderen ab.

NEUNsight:

Die Fronten scheinen verhärtet. Wird es früher oder später zum gefürchteten Handelskrieg kommen?

Winfried Neun:

Eindeutig. Der Handelskrieg klopft schon an die Tür. Während Donald Trump das Vorhaben bei Gremien zur Prüfung gegeben hat, ergreifen die Europäer bereits Maßnahmen. Allerdings sind auch andere Töne zu vernehmen, die gewisse Ausnahmen für Staaten vorsehen, die zu Kompromissen bereit sind. Was davon zu halten ist, werden die nächsten Wochen zeigen. Die sich immer wieder widersprechenden Aussagen des amerikanischen Präsidenten sind nach meiner Meinung bereits Teil einer Strategie, die weniger Inhalte zum Ziel hat, sondern nur Verunsicherung bei dem jeweiligen Gegenüber schüren soll.

NEUNsight:

Wie sinnvoll sind europäische Gegenmaßnahmen – etwa die Einführung von Strafzöllen auf amerikanische Exporte in den Euro-Raum?

Winfried Neun

Winfried Neun:

Gegenmaßnahmen sind sinnvoll und vor allem notwendig. Wir können nicht einfach stillschweigend zuschauen, da Deutschland wirtschaftlich immer noch in starkem Maße von den USA abhängig ist. Wir müssen geschlossen als Europäer dagegen halten.

NEUNsight:

Welche Auswirkungen haben derart protektionistische Maßnahmen aus Sicht eines Verhaltensökonomen?

Winfried Neun:

Rein ökonomisch gesehen führt der amerikanische Protektionismus zu einer Verringerung des Weltwirtschaftshandels und stellt die positiven Ansätze der Globalisierung in Frage.

NEUNsight:

Welche Auswirkungen sind für die Bürger spürbar?

Winfried Neun:

Die Abschottung und die damit verbundene Verunsicherung führt bei Bevölkerung und Politik zu einem eher destruktiven, objekterkennungsorientierten Verhalten und Denken. Damit wird Vertrauen vernichtet sowie Misstrauen gesät. Gerade die Vertrauenskultur ist aber der Schlüssel für einen freien Welthandel – „America first“ ist daher der erste groß angelegte Angriff gegen die ökonomische Freiheit, die völkerübergreifende Zusammenarbeit und der gemeinsame Kampf aller gegen soziale Armut. Damit erzeugt Trump im globalen Gedächtnis der Menschheit wieder den Zustand von Isolation, Abgrenzung und den damit einhergehenden Existenzängsten in breiten Schichten der Bevölkerung.

NEUNsight:

Gibt es Lösungswege aus der Krise?

Winfried Neun:

Donald Trump sollte sich einmal intensiv mit dem Thema „Nudging“ beschäftigen, um zu erkennen, wie seine persönliche Agenda die Welt in die Steinzeit zurückkatapultiert. Ob er meine Empfehlung annimmt, vage ich allerdings zu bezweifeln. Dieser Präsident scheint beratungsresistent zu sein.

NEUNsight:

Welches Fazit ziehen Sie zum jetzigen Zeitpunkt?

Winfried Neun:

Die Europäer sind aus verhaltensökonomischer Sicht richtig beraten, mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mittel ein „Gegen-Nudging“ zu den von Donald Trump verursachten Irritationen aufzubauen. Dabei sind weniger die Inhalte als die Tonalität und die Eloquenz, mit der diese diskutiert, kommuniziert und platziert werden wichtig. Solange sich Europa weniger als geschlossene Gemeinschaft mit klaren Schritten und Zielen, sondern viel mehr als zerstrittene Kleingeister präsentiert, machen wir es Donald Trump leicht.

Interview: Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Redaktioneller Hinweis: Das Interview ist mit Quellenangabe „NEUNsight“ zum Ab- bzw. Nachdruck freigegeben.