Adam Smith – der erste Verhaltensökonom?

p395289 NEUNsight April 2018

Adam Smith wird der „Vater der klassischen Nationalökonomie“ genannt, das heißt er gilt als der Begründer der modernen ökonomischen Theorie. Für ihn galt: Ursprung des Wohlstands ist die menschliche Arbeit. Die Steigerung der produktiven Kräfte der Arbeit und damit nationaler Wohlstand waren für Smith Voraussetzungen für eine „zivilisierte“ Gesellschaft. Eine neue Deutung sieht Smith gar als sozialen Marktwirtschaftler.

Wenn nach der wichtigsten Theorie-Ikone des Marktliberalismus gefragt wird, so werden die meisten antworten: Adam Smith. In einer neuen Biografie dieses Denkers widerspricht nun der österreichische Philosoph Gerhard Streminger dieser unter Ökonomen gängigen Standarddeutung. Smith nämlich habe vielmehr eine soziale Marktwirtschaft begründet, bei der Märkte in soziale Strukturen, Sitten und in den Staat eingebettet sind, so der Tenor eines Artikels in der Wochenzeitung Die Zeit.

In der mikroökonomischen Theorie, also dem Teil der Volkswirtschaftslehre, der sich nicht mit Aggregaten, sondern den Individuen bzw. den einzelnen Haushalten beschäftigt, wird mit Modellen gearbeitet. Diese Modelle beruhen auf einer Reihe von Prämissen, dazu zählen zum Beispiel die Annahme vollständiger Information und die atomistische Konkurrenz. Letzteres bedeutet, dass auf einem Markt so viele Anbieter und Nachfrager aufeinandertreffen, dass der Einzelne keinen Einfluss auf die Preisbildung hat. Die atomistische Konkurrenz sorgt auch dafür, dass der Gewinn im Optimum stets gleich Null ist.

Homo oekonomicus?

Eine weitere wichtige Annahme betrifft das Verhalten der Wirtschaftsteilnehmer selbst. Hier wird in den klassischen Modellen der Homo oeconomicus als Determinante gesetzt. Der Homo oeconomicus agiert stets rational und verfolgt die Optimierung seines eigenen Nutzenkalküls. In der Alltagssprache würde man sagen, er handelt egoistisch. Darüber hinaus kennt der Homo oeconomicus keine einmischenden Präferenzen, das heißt, er ist weder neidisch noch mitfühlenden und hat kein Interesse am Befinden anderer Wirtschaftsteilnehmern.

Das ist genau die Prämisse, die die moderne Verhaltensökonomie kritisch hinterfragt. Dabei wird nicht in Abrede gestellt, dass auch real existierende Marktteilnehmer grundsätzlich egoistisch handeln und dieses Verhalten für das Funktionieren einer Marktwirtschaft essentiell ist. Die Verhaltensökonomie trägt aber dem Umstand Rechnung, dass Egoismus nicht die einzige Triebfeder des Menschen ist, sondern dieser über Emotionen verfügt, die sich auch auf seine ökonomischen Entscheidungen auswirken. Die Verhaltensökonomie versucht also herauszufinden, wie sich Menschen, mehrheitlich, in ganz konkreten Szenarien verhalten. Diese Erkenntnisse erlauben es, die ökonomischen Standardmodelle so fortzuentwickeln, dass diese sich nicht nur für die theoretische Analyse, sondern auch als Grundlage für wirtschaftspolitische Maßnahmen eigen, weil sie die Realität dafür hinreichend genau abbilden.

Die „unsichtbare Hand“

Was hat nun Adam Smith damit zu tun? Der schottische Denker, der als der Begründer der Ökonomie als wissenschaftliche Disziplin gilt, hat in diesem Kontext gleich zweimal Großartiges geleistet. In seinem berühmten Hauptwerk, „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ aus dem Jahr 1762 beschreibt er die „unsichtbare Hand“. Darunter versteht er den Marktmechanismus, der ganz ohne staatliches Eingreifen dafür sorgt, dass knappe Ressourcen optimal eingesetzt werden. Die maßgebliche Kraft dafür ist das eigennützige Handeln des Menschen, das dafür Sorge trägt, dass auch die Wohlfahrt der Gesellschaft als Ganzes maximiert wird.

Nachfolgende Forscher wurden durch diese Thesen stark geprägt und zur Herausbildung des Homo oeconomicus inspiriert, der die wirtschaftswissenschaftliche Forschung für gut 200 Jahre dominierte. Dabei hatte bereits Adam Smith erkannt, dass der Mensch zwar grundsätzlich, aber nicht ausschließlich und nicht in jedwedem Kontext egoistisch handelt. Mit dieser Idee hatte Smith sich bereits in seinem philosophischen Hauptwerk „The Theory of Moral Sentiments“ aus dem Jahr 1759 auseinandergesetzt, das heute aber kaum mehr bekannt ist. Dabei greift dieses Werk bereits viele Fragen auf, die die moderne Verhaltensökonomie erst seit etwa zwei Jahrzehnten wieder thematisiert. Adam Smith war also nicht nur der geistige Vater des Homo oeconomicus, er hat nachfolgenden Forschergenerationen auch gleich das Werkzeug mitgegeben, diese fundamentale Annahme kritisch zu hinterfragen und dort zu korrigieren, wo es notwendig ist. Smith darf also zu Recht als der erste Verhaltensökonom bezeichnet werden.

Autoren: Birger Dellmann / Michael Storks

Bild: Adam Smith Foundation

Im Überblick

Adam Smith wird der „Vater der klassischen Nationalökonomie“ genannt, das heißt er gilt als der Begründer der modernen ökonomischen Theorie. Für ihn galt: Ursprung des Wohlstands ist die menschliche Arbeit. Die Steigerung der produktiven Kräfte der Arbeit und damit nationaler Wohlstand waren für Smith Voraussetzungen für eine „zivilisierte“ Gesellschaft. Sein Denken wurde beeinflusst von den Ideen der Aufklärung, von der englischen Naturrechtslehre, der schottischen Moralphilosophie und die Mechanik Newtons. Er war Professor für Moralphilosophie, Erzieher eines jungen Herzogs und wurde später höchster Zollbeamter von Edinburgh. Sein Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ war auch sein erfolgreichstes wissenschaftliches Werk. Diesem Werk wurde eine ähnliche Wirkung zugesprochen wie der Bibel oder dem „Kapital“ von Karl Marx. Mit diesem Werk prägte er entscheidend die ökonomische Entwicklung. Am 16. Juli 1790 starb Smith im Alter von 68 Jahren in Edinburgh.