Kritik am Chef üben: Zwischen Risiko und Chance

p395289 NEUNsight Juli 2018

Wer vor der Frage steht, den eigenen Vorgesetzten offen zu kritisieren, sollte genau abwägen, wie kritikfähig der Chef ist und ob die eigene Kritik fundiert genug ist, um zumindest nicht in ein offenes Messer zu laufen. Timing und Gelassenheit spielen eine wichtige Rolle.

Wenn der Chef einen Fehler macht oder aus anderen Gründen Grund zur Kritik besteht, sind Arbeitnehmer in einer Zwickmühle. Doch wer den richtigen Zeitpunkt abwartet und klug argumentiert, kann mit einer positiven Reaktion des Chefs rechnen.

Timing muss stimmen

Manchmal empfiehlt es sich, die eigene Meinung für sich zu behalten. In anderen Momenten kann es sinnvoll sein, Kritik zu äußern. Generell sollte mit Kritik gewartet werden, bis der „Moment des Anstoßes“ vorüber ist. Haben sich die Gemüter beruhigt, ist der Chef auch offener für Verbesserungsvorschläge und eine Auseinandersetzung mit möglichen Fehlern.

Ebenso wichtig: Es muss zwischen Person und Sache getrennt werden. Wer sich ungerecht behandelt fühlt und sauer auf den Chef ist, sollte sich zunächst zurückziehen. Andernfalls kann die sachliche Kritik schnell in einen persönlichen Angriff übergehen. Wenn das Problem so gravierend ist, dass es nach ein paar Tagen des Durchatmens noch besteht, darf es geäußert werden. Der Abstand zur Situation erlaubt es zudem, eine Distanz zu negativen Gefühlen aufzubauen. Das ermöglicht eine differenzierte Betrachtung der Situation.

Situation differenziert betrachten

Das Verhalten des Chefs sollte mit Vorsicht kritisiert werden, denn Persönlichkeit und Führungsstil können nicht ohne Weiteres verändert werden. Oft hat der Vorgesetzte wenig Interesse daran, die Kommunikationsmethoden anzupassen. Hier gilt es, im Gespräch die Standpunkte miteinander abzugleichen und eine gemeinsame Lösung zu finden.

Bedürfnisse und Empfindungen zu Vorfällen am Arbeitsplatz dürfen diskutiert werden. Arbeitnehmer sollten jedoch nicht erwarten, dass die Kritik umgehend umgesetzt wird. Der Chef hat eine eigene Sicht auf die Dinge und wird zunächst weitere Meinungen einholen und gegebenenfalls das eigene Verhalten reflektieren, bevor er Veränderungen vornimmt. Wird die Kritik nicht als gehaltvoll angesehen, kommt es oftmals überhaupt nicht zu Veränderungen. Der richtige Umgangston und gute Argumente verbessern die Aussichten auf ein fruchtbares Gespräch.

Richtig auf die Kritik vorbereiten

Arbeitnehmer bereiten sich am besten ausführlich auf das Gespräch mit dem Chef vor. Es sollte ein Termin vereinbart werden, an dem beide Parteien ausreichend Zeit haben und sich auf einen sachlichen Dialog einlassen können. Hierfür bietet sich ein Termin am Anfang der Woche an. Kurz vor Arbeitsbeginn sind die Gemüter noch entspannt und es fällt leichter, einen gemeinsamen Konsens zu finden.

Wer Kritik äußern möchte, sollte sich darüber klar werden, welches Ziel das Gespräch hat. Soll nur Dampf abgelassen werden? Oder wird eine Veränderung der Arbeitsabläufe zum Positiven angestrebt? Die Erwartungsenthaltung entscheidet darüber, wie man im Gespräch auftritt und wie mit dem Ausgang des Gesprächs umgegangen wird.

Ein gezieltes Stimmungsmanagement in Unternehmen unterstützt den notwendigen Prozess der offenen und angstfreien Kommunikation. Diese führt zu mehr Gelassenheit und Ausgeglichenheit unter den Mitarbeitern. Die positiven Folgen sind eine gestiegene Stress-Resilienz und eine spürbar geringere Fehlzeitenquote durch weniger Burn-out-Fälle und Krankmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen.

Autoren: Michael Storks / Felix Kurz

Im Überblick

Wer seinen Vorgesetzten kritisieren will sollte sicher sein, nicht aus reinem Ärger zu handeln, um sich im wahrsten Sinne des Wortes „Luft zu verschaffen“, sondern eine Verhaltensänderung beim Gegenüber zumindest anzustoßen. Zudem braucht eine solche Veränderung Zeit, die dem Vorgesetzten gegeben werden sollte.