Staatsfonds: die stillen Riesen

p395289 NEUNsight Juli 2018

Immer häufiger investieren neben ausländischen Privatpersonen und Unternehmen auch Staatsfonds in Form von Beteiligungen an deutschen Unternehmen mit bisher noch nicht absehbaren Folgen. Kritiker warnen vor zu viel externem Einfluss vor allem in Schlüsselindustrien.

Die stillen Investoren haben sich zu Marktriesen entwickelt. Bis zu zehn Prozent des Anlagevermögens weltweit werden mittlerweile von Staatsfonds verwaltet. So ist beispielsweise Norwegens Pensionsfonds an fast allen Dax-Konzernen beteiligt. Verkaufen diese mächtigen Staatsfonds ihre Aktien, so kann es nicht selten zu starken Kursveränderungen kommen.

Konjunktureinbrüche durch Staatsfonds

Die Aktienmärkte sind beunruhigt. Noch Anfang 2015 haben die weltweit größten Aktienindizes hohe Kursverluste hinnehmen müssen. Doch das lag nicht an der Unsicherheit hinsichtlich etwaiger Konjunktureinbrüche in China. Vielmehr trugen Staatsfonds Schuld an dem Abwärtstrend. So haben 2015 Staatsfonds Aktien im Wert von mehreren Milliarden Dollar veräußert. Und im Jahr 2016 waren es noch mehr. Hierdurch wurden die Börsenkurse immer weiter unter Druck gesetzt. Im Jahr 2012 hielten Staaten Fonds im Wert von knapp 4,5 Billionen US-Dollar. Von 2005 bis 2015 kamen mindestens 30 neue Staatsfonds hinzu. Mitte des Jahres 2016 lag das Anlagevermögen von Staatsfonds nach Angaben des Sovereign Wealth Fund Institute schon bei 7,3 Billionen US-Dollar.

Durch dieses hohe Anlagevolumen sind Staatsfonds zu wichtigen Akteuren auf den Finanzmärkten geworden. Der norwegische Statens Pensjonsfonds hielt im Jahr 2016 etwa 60 Prozent seines Vermögens in Aktien. Seine Beteiligung an mehr als 9.000 Unternehmen in 75 Ländern entsprach zu diesem Zeitpunkt mehr als einem Prozent aller Aktien der Welt. In Deutschland zog die Beteiligung eines ausländischen Staatsfonds erstmals öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, als sich das Emirat Kuwait mit seinem Staatsfonds Kuwait Investment Authority im Jahr 1974 als Großaktionär an der heutigen Daimler AG beteiligte. Der Anteil betrug zum Jahresende 2016 etwa 6,8 Prozent am Grundkapital.

Fonds sind untereinander verstrickt

Staatsfonds sind immer wieder als Beteiligungen großer Unternehmen zu finden. Doch welchen Umfang diese Beteiligungen wirklich haben, ist nicht bekannt. So stecken hinter Investitionsentscheidungen von Staatsfonds komplizierte Marktanalysen – und die Ergebnisse dieser Arbeit werden nicht veröffentlicht. Aber das ist nicht der einzige Grund: So ist beispielsweise der norwegische Pensionsfonds einer der größten Aktionäre der Daimler AG, der aber auch mit knapp sechs Prozent an den Aktien des Finanzinvestors Blackrock beteiligt ist. Und dieser ist zweitgrößter Aktionär an der Daimler AG. Solche Verstrickungen sind nicht selten: So sind Fonds mit anderen Fonds und diese mit weiteren Fonds verknüpft. Auch der größte Einzel-Aktionär von Daimler ist ein weiterer Staatsfond – die Kuwait Investment Authority. Es ist nicht bekannt, wie hoch der genaue Anteil des Staatsfonds aus den Emiraten ist, da dieser auch noch über weitere Beteiligungen gehalten wird.

Aktive Investoren

Es gibt in Deutschland fast keinen Dax-Konzern, bei dem der Vermögensverwalter Blackrock und der norwegische Pensionsfonds nicht beteiligt sind. Aber auch andere Staatsfonds sind sehr aktiv. So ist Kuwait mit einem Staatsfonds an Infineon beteiligt und Qatar hält Anteile in Höhe von mehr als elf Prozent an Volkswagen. Weiterhin ist an der Deutschen Börse und Vonovia Abu Dhabi mit einem Staatsfonds beteiligt. Das Emirat hielt außerdem über die Airline Etihad Beteiligungen an dem Unternehmen Air Berlin. Und das sind nur die direkten Beteiligungen – über indirekte Beteiligungen lässt sich nur spekulieren.

Einfluss ist beträchtlich

Die Experten sind sich einig, dass die Beeinflussung von Staatsfonds auf deutsche Aktien sehr groß ist. Denn ungefähr zwei Drittel der Dax-Aktionäre sind Investoren aus dem Ausland. Das verdeutlicht den großen Einfluss solcher Staatsfonds auf die Wirtschaft. Diese Situation betrifft alle Firmen weltweit. Denn zunehmend treten neben ausländischen Privatpersonen auch ausländische Staatsfonds und -unternehmen als Käufer deutscher Vermögenswerte auf.

Deren Engagement verursacht grundsätzliche Probleme in dem Maße, in dem sich Staatsfonds nicht wie private, profitorientierte Akteure verhalten und genügend Anteile erwerben, um Einfluss auf die Geschäftspolitik der jeweiligen Unternehmen ausüben zu können. Da sie Verluste nicht zwingend vor Investoren rechtfertigen müssen und die Haftung für Verluste auf Drittparteien abwälzen können, unterliegen Staatsfonds geringerem Wettbewerbsdruck als private Anleger und können über längere Zeiträume ineffizient investieren, so eine Beurteilung des Institute for Research in Economic and Fiscal Issues (IREF).

Privat oder Staat?

Gleiches gilt im Übrigen für anscheinend private Unternehmen, deren Geschäftsstrategien allerdings stark von der jeweiligen Regierung abhängig sind. Beste Beispiele sind die vielen in Russland „scheinprivatisierten“ Großunternehmern, deren Chefs nicht selten direkt vom Kreml ausgesucht und an die Spitze gesetzt worden sind. Inwieweit diese Unternehmen der Gewinnerzielung verpflichtet sind oder doch vielmehr als wirtschaftliche Waffe und Druckmittel (Beispiel Energieversorgung) genutzt werden, bleibt weitgehend offen.

Autoren: Frank Kurt / Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Staatsfonds halten auch in größerem Umfang Staatsanleihen. Der chinesische Staat hielt im Jahr 2007 einen großen Teil seiner Devisenüberschüsse von damals 1,5 Billionen US-Dollar in festverzinslichen US-Staatsanleihen. Es ist davon auszugehen, dass er auch europäische Staatsanleihen hält, wobei Deutschland einen seiner Wirtschaftskraft entsprechenden Anteil ausmachen dürfte.