Unternehmensnachfolge: Ist die Familie immer die beste Wahl?

p395289 NEUNsight August 2018

Noch immer werden jedes Jahr Zehntausende Unternehmen an potentielle Nachfolger übergeben. Vor allem in Familienunternehmen stehen die Söhne und Töchter in der Pflicht. Doch nicht immer sind diese Nachfolger geeignet und motiviert genug, das Unternehmen erfolgreich fortzuführen.

Jeder, der sich ein eigenes Unternehmen aufbaut, muss sehr viel Arbeit investieren. In den meisten Fällen wird das gesamte Leben dem Aufbau und der Erhaltung des Unternehmens gewidmet. Deshalb fällt es dem Unternehmensgründer in der Regel sehr schwer, seinen mühselig aufgebauten Betrieb eines Tages abgeben zu müssen. Viele Unternehmen wünschen sich dann, dass der eigene Sohn oder die Tochter den Betrieb übernimmt und im Sinne des Vaters weiterführt. Doch das ist nicht immer die beste Lösung.

Externe Ausbildung von Vorteil

Der Sohn oder die Tochter, der als Nachfolger angedacht ist, arbeitet oftmals schon im elterlichen Betrieb mit. Dadurch lernt er die Mitarbeiter sowie die Stammkunden bereits kennen. Aber auch das ist nicht immer vorteilhaft. Deutlich besser ist es, wenn der Nachfolger in anderen Betrieben Erfahrungen sammelt, die er dann bei der Betriebsübernahme nutzen kann. Die Belegschaft und die Kunden gehen jedoch immer davon aus, dass der Nachfolger, wenn er aus der Familie des derzeitigen Inhabers stammt, den Betrieb genauso weiterführt wie der Vater. Schon kleinste Änderungen im Betriebsablauf oder im Umgang mit den Kunden führen zu Missstimmungen.

Enormer Druck

Dadurch steht der Sohn nach der Betriebsübernahme unter einem sehr hohen Druck. Neueste Erkenntnisse, die er während seiner Ausbildung gelernt hat, kann er aus Gründen der Tradition sowie der Gewohnheit nicht in die Tat umsetzen. Das ist nicht nur eine große psychische Belastung für den Sohn, sondern es kann auch zu Umsatzeinbußen kommen. Jeder Betrieb sollte sich stets weiterentwickeln und nicht allzu lange in fest eingefahrenen Bahnen geführt werden.

Nicht Loslassen können

Es treten aber auch persönliche Probleme auf, wenn der eigene Sohn die Betriebsnachfolge antritt. In den meisten Fällen ist es so, dass der Vater sich nur sehr schwer aus dem Berufsleben zurückziehen kann. Daher übt er gerne noch eine Tätigkeit in den bereits abgegeben Betrieb aus. Tief im Innern fühlt er sich trotzdem immer noch verantwortlich. Das führt unweigerlich zu privaten Konflikten zwischen dem Vater und dem Sohn. Daraus entsteht für alle Beteiligten eine äußerst schwierige Situation. Der Vater, der das Unternehmen mitunter mehrere Jahrzehnte erfolgreich geführt hat, kennt sich natürlich bestens mit den innerbetrieblichen Abläufen aus. Daher lässt es sich in den meisten Fällen gar nicht vermeiden, dass er hin und wieder betriebliche Entscheidungen trifft, die nicht mit dem Sohn abgesprochen waren. Das hat auf jeden Fall fatale Folgen. Manchmal ist der eigene Sohn aber auch einfach nicht dazu geeignet, einen Betrieb zu leiten. Dann sollte der Vater nicht aus reinem familiärem Interesse den Betrieb leichtfertig an den Sohn übertragen.

Nachfolge häufig auf die „lange Bank“ geschoben

Ein gutes Drittel der Alt-Inhaber kann emotional nicht „loslassen“. 41 Prozent der Senior-Unternehmer fordern auch deshalb einen überhöhten Kaufpreis. 42 Prozent suchen die Beratung nicht rechtzeitig auf. Auf Seiten der potentiellen Übernehmer berichten die IHKs bei 40 Prozent von Finanzierungsschwierigkeiten, trotz derzeit günstiger Konditionen. Zudem unterschätzen 40 Prozent die Anforderungen an eine Unternehmensübernahme.

Autoren: Michael Storks / Hannelore Brecht

Bild: imageteam (fotolia.com)

Im Überblick

Der Zentralverband des deutschen Handwerks geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 über 180.000 Handwerksbetriebe einen Nachfolger suchen. Damit folgt dem Fachkräftemangel im deutschen Handwerk ein Unternehmermangel. Der ZDH warnt daher, dass ohne geeignete Nachfolger an der Unternehmensspitze der Verlust von Know-how, Wertschöpfung und nicht zuletzt von Ausbildungs- und Arbeitskräften im Handwerk droht.