Handwerk: Nachfolger verzweifelt gesucht

p395289 NEUNsight August 2018

Handwerk hat goldenen Boden, so ein Sprichwort. Die Realität sieht allerdings düster aus, denn im Handwerk ist die Nachfolgeproblematik noch ausgeprägter als in anderen Branchen. Es droht nach dem Fachkräfte- nun ein Unternehmermangel.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 über 180.000 Handwerksbetriebe einen Nachfolger suchen. Damit folgt dem Fachkräftemangel im deutschen Handwerk ein Unternehmermangel. Der ZDH warnt daher, dass ohne geeignete Nachfolger an der Unternehmensspitze der Verlust von Know-how, Wertschöpfung und nicht zuletzt von Ausbildungs- und Arbeitskräften im Handwerk droht.

Abwanderung in neue Branchen

In der deutschen Wirtschaft wandern Bewerber vermehrt zum Dienstleistungs- und Informationssektor, was prozentuale Anteile an Erwerbstätigen im Agrar- und Industriesektor sinken lässt. Demnach befanden sich 2017 im Dienstleistungssektor 73,5 Prozent der Erwerbstätigen, während im industriellen Sektor 24,4 Prozent ihre Anlaufstelle fanden. Nun stehen handwerkliche Berufe vor einer Herausforderung: Laut dem Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) sind bis zu 5,5 Millionen Menschen in der Branche tätig, der Anteil an Auszubildenden steht bei circa 365.000 und der Zuwachs wird jährlich negativ verzeichnet.

Neue Berufsbilder sorgen für Umsatz

Im Vergleich mit anderen Berufssparten oder anderen Sektoren ist hier ein deutlicher Abwärtstrend zu erkennen. Im Gegensatz zu den sinkenden Betriebsbeständen lässt sich jedoch ein Zuwachs im jährlichen Umsatz aller Anlagen im Handwerk deutlich erkennen, er wuchs von 486 Milliarden Euro im Jahr 2003 auf 581 Milliarden Euro in 2017. Der wirtschaftliche Wandel erschwert die Erhaltung traditioneller Tätigkeiten, fördert jedoch die Konsolidierung derer zu neuen Tätigkeitsfeldern, in Form von hybriden Sektoren und der Schaffung völlig neuer Berufsbilder.

Neue Formen der Personalsuche

In Deutschland sind derzeit rund eine Million handwerkliche und handwerksähnliche Betriebe verzeichnet. Gemeinsam decken sie ein breites Spektrum an Aufgabengebieten ab und bilden somit nicht nur den Ankerpunkt des Industriesektors, sondern auch den der deutschen Gesamtwirtschaft. Die Zielgruppen und wichtigsten Kunden sind genauso vielfältig wie die Branche selbst, von Privatkundenaufträgen bis hin zu staatlichen Anforderungen. Mit diesem breit gefächerten Repertoire und attraktiven Ausbildungsvergütungen stellen sich die Fragen nach neuen Strategien in der Personalrekrutierung.

Digitalisierung sorgt für Wandel

Nach Auskunft des ZDH erfahren andere Berufe, wie die Tätigkeiten in der Kraftfahrzeugmechatronik oder Kosmetik gegenüber den Zimmerern, Maurern, Schreinern und Malern deutlich mehr Zuwachs. Während im Jahr 2017 in der KFZ-Branche 58.856 Lehrlinge gemeldet waren, erreichen die handwerklichen Berufe knapp ein Fünftel. Ein möglicher Grund für diese Problematik: Die Digitalisierung. Das digitale Zeitalter brachte Aufbruch und Wandel in die deutsche Wirtschaft, was den Transfer von konventionellen Tätigkeiten in ein digitales Umfeld zur Folge hatte. Das Auto wird digitaler und intelligenter, dank den sozialen Medien rückt Kosmetik in einen viralen Mittelpunkt.

Digital Natives

Junge Lehrlinge, häufig auch „Digital Natives“ genannt, werden aus neuen und sich verändernden Bewerbermärkten mit dem Druck der Digitalisierung rekrutiert. Somit sucht auch das Handwerk nach einem Brückenschlag in die Digitalität. Das Schaffen neuer Tätigkeitsfelder als Manifestierung eines hybriden Berufes aus Handwerks- und Informationssektor wird unabdingbar. Das Handwerk sucht seine Nachfolger in einer neuen Welt, Personalmarketing über soziale Medien könnte somit zum nächsten Schritt werden. Die Branche muss für die neuen Generationen einen gemeinsamen Mehrwert schaffen, um dadurch neues Potenzial zu schöpfen.

Angst und Unsicherheit

Für NEUNsight-Chefredakteur Winfried Neun ist vielfach die Angst vor der Zerstörung des „Lebenswerks“ durch die Nachfolger ein Hauptgrund, warum auch im Handwerk die alten Patriarchen sich nur sehr zögerlich von ihren bisherigen Positionen trennen können. „Im Grunde spielen vorwiegend Ängste und Unsicherheiten eine wichtige Rolle im Nachfolgeprozess. Diese gilt es gezielt zu überwinden und psychologische wie betriebswirtschaftliche Hilfestellungen auch von externer Seite anzunehmen“, so Winfried Neun, der in seiner Eigenschaft als Chef der Allensbacher K.O.M. GmbH, seit mehr als 25 Jahren Nachfolgeprozesse beratend begleitet.

Autoren: Michael Storks / Frank Altmann

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Was für den Bereich der Industrie- und Handelskammer als problematisch gilt, wächst sich in der Handwerksbranche zu einer absehbaren Nachfolge-Katastrophe aus. Laut einer aktuellen Erhebung der NRW-Handwerkskammern benötigen 30.000 Betriebe in den kommenden fünf Jahren einen neuen Chef - und fast 4.000 Unternehmen könnte eine Schließung treffen. Viele Unternehmen benötigen externe Hilfe bei der Bewältigung des Nachfolgeprozesses. Auf die Lösung solcher Probleme hat sich unter anderem die Allensbacher K.O.M. GmbH spezialisiert. Weitere Informationen erhalten Sie unter: info@kom-neun.de