Deutsches Phänomen: Ständiges Jammern auf hohem Niveau?

p395289 NEUNsight September 2018

Obwohl die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosenzahl seit Jahren sinkt, wird von Flensburg bis zu den Alpen über fast alle Themen gejammert was das Zeug hält. Ist diese negative Einstellung ein rein deutsches Phänomen? Die NEUNsight ging der Frage nach.  

Im europäischen Ausland wird das Jammern auf hohem Niveau oft als rein deutsches Phänomen empfunden. Es entsteht subjektiv der Eindruck, als ob gerade die Deutschen eigentlich über alles jammern, was nur vorstellbar ist. Sei es über den Partner, die Firma, den Chef, den Nachbarn, den Benzinpreis oder die Diäten der Abgeordneten, irgendein Jammerthema scheint sich immer zu finden.

Studie bestätigt latenten vorhandenen Pessimismus

Das Deutschland tatsächlich auf hohem Niveau jammert, konnte mittlerweile auch durch eine entsprechende Studie der EU bestätigt werden. Diese basiert immerhin auf der dezidierten Befragung von 25.000 EU Bürgern. Neben dem Hang zum Jammern auf praktisch allen Ebenen werden den Deutschen auch ein ausgeprägter Pessimismus sowie eine gewisse Ängstlichkeit unterstellt. Das betrifft besonders die Angst vor der eigenen Zukunft und zukünftigen Entwicklungen Deutschlands. Diese von einem Großteil der Bevölkerung Deutschlands geteilte Annahme, in 20 Jahren viel schlechter dazu stehen als heute, wird im Ausland auch mit dem Begriff German Angst beschrieben.

Jammern als Kontakthilfe

Jammern hilft nicht, wer jammert, kann also praktisch nichts tun, findet aber gerade in Deutschland schnell Kontakt. In der gleichen Umfrage ist beispielsweise auch zutage getreten, dass die Iren und die Briten zu den glücklichsten EU Bürgern gehören. Dass die Deutschen auf hohem Niveau jammern ist keine neue Erscheinung, sondern wurde bereits im Jahre 2003 von Altkanzler Helmut Schmidt dem eigenen Volk attestiert. Die enormen Leistungen beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg aber auch der stetige Ausbau des Sozial- und Wohlfahrtstaates wird von EU Ausländern zwar in vollem Umfang anerkannt. Dennoch müssen sich diese Menschen meist mit viel größeren Problemen herumplagen, als die deutsche Bevölkerung. Und gerade deshalb wird das typische deutsche Meckern und Jammern auf hohem Niveau oft nur mit einem Kopfschütteln wahrgenommen.

Objektiv kein Grund vorhanden

Dass Deutschland lebenswert ist, zeigt doch alleine schon die Tatsache der vielen Zuwanderung der letzten Jahre. Gemäßigte Wetterlagen, relativ kurze Arbeitszeiten bei langen Urlaubsperioden, im Jahresverlauf wenige Katastrophen durch Wetterphänomene und ein stetig steigendes Geldvermögen müssten alleine schon Grund genug sein, das Jammern einzustellen und geradezu dankbar zu sein, hier leben zu dürfen. Trotzdem scheint es so, als ob es für einen Großteil der deutschen Bevölkerung immer einen Anlass gibt, zu jammern.

Jammern schafft Erleichterung

Psychologen nehmen an, dass Jammern der seelischen Befindlichkeit eine gewisse Erleichterung verschaffen kann. Wer auf hohem Niveau jammert, negiert Selbstverantwortung und kann sich als Opfer fühlen. Und die Vorteile dieser Opferrolle als jammernder Mensch ergeben sich unter anderem daraus, schnell Kontakt zu finden und nie alleine zu sein. Für Jammerer sind eben nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten. Dies sind aber nur einige der kollektiven Erklärungsansätze, warum Jammern auf hohem Niveau in Deutschland anscheinend eine immerwährende Heimat gefunden hat.

Ursachenforschung

Viele Sozialforscher sehen in der German Angst und der dazugehörigen Jammerei einen Ausdruck für die Traumatisierung der Bevölkerung durch zwei Weltkriege. Einige Forscher glauben sogar Hinweise darauf gefunden zu haben, dass sich traumatische Ereignisse wie Hungersnöte, Weltkriege, Verfolgung und Vertreibung im Erbgut niederschlagen können. Gesichert scheint hingegen eine sogenannte „Background Personality“, die auch für ganze Gesellschaften gilt und immer wiederkehrende Verhaltensmuster in bestimmten Situationen erzeugt. Diese meist festgefahrenen Muster zu durchbrechen ist bei Einzelpersonen und Gruppen möglich, in ganzen Gesellschaften schwierig und ein langwieriger Prozess eines gezielten Stimmungsmanagements.

Autoren: Hannelore Brecht / Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Die Ursachen der „German Jammerei“ sind in vielen Studien untersucht worden – mit einem ernüchternden Ergebnis. Alle Studienresultate sind nur Indizien, was und woher das ständige Jammern stammen kann. Was bleibt ist die Tatsache, dass in keinem anderen Land auf der Welt, die Sozial- und Versicherungssysteme dermaßen ausgebaut sind, um Risiken zu vermeiden oder zu begrenzen. Dies ist ein untrügliches Merkmal einer besonders affektanfälligen „Background Personality“ in Deutschland.