Traditionelle Banken: Vom Aussterben bedroht?

p395289 NEUNsight September 2018

Nicht nur die selbst verursachte Finanzkrise 2008 hat weltweit die Kreditinstitute gebeutelt. Die traditionellen Bankhäuser mit großen Filialnetzen haben auch schlichtweg den Wettbewerb im Netz um Kunden geradezu „verpennt“. Die Folgen sind dramatisch, so fiel beispielsweise der Aktienkurs der größten (D)deutschen Bank seit 2008 um satte 76 Prozent. Und die Talfahrt scheint kein Ende zu nehmen.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Diese simple Erkenntnis war für das Bankwesen jahrzehntelang überhaupt nicht von Bedeutung. Hatte der Kunde ein Anliegen, musste er einen Termin vereinbaren, und der Bankmitarbeiter saß dann mit wichtigem Gesichtsausdruck über die mitgebrachten Unterlagen.

Verpennt und überrollt

Doch dann trat etwas ein, worauf Banken überhaupt nicht vorbereitet waren: Wettbewerb. Plötzlich betraten ausländische Bankinstitute den heimischen Markt und warben um Kunden mit unschlagbaren Konditionen in nahezu allen klassischen Geschäftsfeldern der Filialbanken. Dies geschah nicht über ein Filialnetz, sondern ausschließlich über das Internet. Ging es zunächst nur um reine Lohn- und Gehaltskonten, folgten zeitnah weitere Angebote der neuen Wettbewerber. Vom Dispokredit angefangen bis hin zur Kapitalanlage, gab es bald kein Geschäftsfeld mehr, welches nicht online zu eröffnen und zu verwalten war. Hierbei folgten die neuen Wettbewerber der Nachfrage. Statt einen Beratungstermin für eine Kontoeröffnung zu vereinbaren, wird alles zeitsparend und bequem von Zuhause aus abgewickelt.

Abfluss der Geldmittel

Dann folgten Spezialanbieter für den Überweisungsverkehr, und verstärkten somit den Onlinehandel. Wer online einkauft und seine Zahlung über einen Verrechnungsdienst abwickelt, nimmt nicht mehr die Dienstleistung seiner Hausbank in Anspruch. Damit einhergehend war und ist natürlich ein Geldmittelabfluss der Banken und Sparkassen. Auch Unternehmen nutzen mittlerweile die Vielfalt an Informationen, um die besten Konditionen für Investitionen zu erhalten. Durch die Digitalisierung kommt auch der kleine Handwerksbetrieb in den Genuss guter und fairer Vertragskonditionen.

Veränderte Kommunikation

Die Bank der Zukunft wird online erreichbar sein, und verstärkt Audio- und Videotechnik für die Kundenkommunikation einsetzen. Statt eines Filialnetzes werden Supportmitarbeiter den Kunden auf Wunsch besuchen, um etwa Darlehenskonditionen oder Kapitalanlagen zu besprechen. Im Bereich der Unternehmensfinanzierung findet dies heute schon statt.

Bargeld als Auslaufmodell?

Privatkunden werden mit Geld- und Kreditkarten ausgestattet, um sich mit Bargeld zu versorgen. Auch hier haben wir eine Verschiebung auf der Anbieterseite. Statt am Geldautomat, kann im Supermarkt oder an der Tankstelle Bargeld ausgezahlt werden. Ebenso sind erste Onlinebanken vertreten, die ihre Kunden als Gemeinschaft sehen. Hier gibt es neben einem Geldnotruf – Button verschiedene Diskussionsforen für den gemeinsamen Austausch. Auch ein „Konto-to-Go“ dürfte in Kürze als Standard verfügbar sein. Per Smartphone eine App installieren, und schon kann der Kunde sein Konto verwalten, Überweisungen tätigen, oder an der Supermarktkasse mit der App bezahlen. Damit wäre der Weg frei für eine mögliche Abschaffung des Bargelds.

Ein Widerspruch?

Eine Abschaffung des Bargelds hätte psychologisch gesehen sogar Vorteile. Denn eine Ware oder Dienstleistung in bar zu bezahlen widerspricht den aktuellen Ergebnissen der modernen Gehirnforschung. Dort wurde festgestellt, dass Preisinformationen das Schmerzzentrum des Gehirns aktivieren. Der Preis ist psychologisch gesehen die unangenehme Seite beim Kauf. Bei Barzahlung wird das Schmerzzentrum daher stärker aktiviert als bei Kreditkarten- oder Onlinezahlung. Das Ausgeben von Bargeld fällt schwerer, es erzeugt im Sinne der Prospekttheorie einen höheren Verlustnutzen als die Zahlung per Karte. Wer also seinen Kaufdrang zähmen und sparsamer wirtschaften will, dem hilft die Bargeldzahlung. In einer Untersuchung der Bundesbank von 25.500 Einzeltransaktionen wurde deutlich, dass Verbraucher, die einen Überblick über ihre Ausgaben behalten wollen, Barzahlung bevorzugen. Die Forscher bezeichnen diesen Effekt als „Erinnerungsfunktion des Bargeldes“.

Autoren: Markus Kaufmann / Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Die Deutschen sind vehemente Verfechter des Bargelds. In Deutschland waren Ende 2017 etwa 21.4 Milliarden Euroscheine im Umlauf, nahezu dreimal so viel wie 2002, dem Jahr der Einführung des Euro-Bargeldes. Neben der überwältigenden Mehrheit von 88 Prozent, die gegen eine Bargeldabschaffung oder Bargeldeinschränkung votieren, befürchten 96 Prozent der befragten Bundesbürger bei dessen Abschaffung entstehende Schwierigkeiten für einzelne Bevölkerungsgruppen beim Bezahlvorgang, etwa Senioren oder nicht technik-affine Personen.