Brexit: Deutsche Unternehmen schlecht vorbereitet!

p395289 NEUNsight November 2018

Chaos in den Brexit-Verhandlungen und die permanente Drohung eines Scheiterns ohne konkrete Vereinbarungen. Der sogenannte „harte Brexit“ wird immer wahrscheinlicher. Und: deutsche Unternehmen haben kaum Vorkehrungen dagegen getroffen!

Noch sind die Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich nicht abgeschlossen und die Zeit bis zum Ausstieg wird immer kürzer. Noch gibt es Hürden, die zu einem Scheitern führen können. Zwar ist die Frage, wie es mit der Grenze zwischen Nordirland und Irland weitergeht im Ansatz geklärt, aber die britische Premierministerin May gerät dabei immer mehr unter Druck. Sie muss dabei die Interessen ihres Landes vertreten und gleichzeitig einen tragbaren Kompromiss ausarbeiten. Ein Ausscheiden ohne einen belastbaren Vertrag ist noch immer möglich und birgt jede Menge Gefahren.

Unvorbereitet in die Krise

Das Institut der deutschen Wirtschaft weist darauf hin, dass die deutschen Firmen noch immer keine ausreichenden Maßnahmen getroffen haben, wenn dieser Fall eintritt. Diese verlassen sich nach Ansicht der Experten zu sehr auf die Vernunft beider Parteien, die vorgibt, dass ein Kontrakt die beste Lösung ist. Kommt es jedoch zu keiner Übereinkunft, dann sind große Schwierigkeiten absehbar, welche sich auch auf deutsche Betriebe auswirken. Diese sind besonders exportorientiert, weshalb sie selbst Schritte ergreifen müssen, wenn es zu einem Scheitern kommt. Nur auf diese Weise können sie ihre Geschäfte schützen und die Sicherheit von Arbeitsplätzen garantieren.

Kaum Vorkehrungen getroffen

Laut einer Studie, welche das Institut der deutschen Wirtschaft in Auftrag gab, sind über 70 Prozent der Firmen, die nach England geschäftliche Verbindungen haben, nur unzureichend auf einen Misserfolg der Verhandlungspartner vorbereitet. Für die Ermittlung dieses Werts kam es zur Befragung von 1100 Firmen aus dem Industrie- und Dienstleistungssektor. Dabei gaben 30 Prozent der Unternehmen unumwunden zu, dass sie keine Vorkehrungen getroffen haben, wenn es zu einem harten Brexit kommt. Ungefähr 44 Prozent haben sich  zumindest in geringem Umfang auf das Ausscheiden Großbritanniens ohne eine Vereinbarung vorbereitet.

Der Konsumgüterkonzern Henkel fürchtet indes keine direkten Auswirkungen eines ungeordneten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union. „Wir sind für unterschiedliche Szenarien vorbereitet“, sagt Konzernchef Hans Van Bylen. „Wir haben kein Brexit-Problem.“ Dafür sei der britische Markt mit einem Umsatzanteil von rund zwei Prozent zu klein. Für die Wirtschaft in Europa insgesamt wäre allerdings ein „ungeordneter Brexit (…) eine sehr schlechte Entwicklung“, warnt der Henkel-Chef.

Zulieferer besonders betroffen

Dabei sind nicht nur die Konzerne, die ihre Waren nach England liefern von diesen Maßnahmen betroffen. Die Zulieferer und andere Partner leiden ebenfalls unter einem zu geringen Gefahrenmanagement, da sie ein Teil der Lieferkette sind. Kommt es zu Geschäftsausfällen, dann sind die Zulieferbetriebe davon ebenfalls betroffen. Da es sich hier meist um kleine und mittlere Unternehmen handelt, sind die Gefahren für diese noch größer. Eine Vielzahl dieser Geschäfte ist von Großaufträgen abhängig. Fallen diese weg, dann ist die Existenz in Gefahr, was gleichzeitig einen Verlust von Arbeitsplätzen bedeutet. Da es sich hier um eine detailreiche Herausforderung handelt, müssen die deutschen Betriebe hier schnellstens ihre Einstellung ändern. Der gesamte Lösungsprozess dauert lange, wobei die Verantwortlichen berücksichtigen müssen, dass auch Mitbewerber nach Auswegen suchen. So kommt es schon jetzt zu einer Verknappung von Lagerflächen. Durch das Einlagern von Waren in England lassen sich Lieferschwierigkeiten für einen gewissen Zeitraum überbrücken.

Der Fluch des Erfolgs

Die Erschließung neuer Märkte, so der Strategieexperte Winfried Neun, hätte längst in Angriff genommen werden müssen. „Aber der deutschen Wirtschaft ging es in den letzten Jahren zu gut, was zwangsläufig zu einem Stillstand in den Bemühungen um neue Märkte und Kunden geführt hat“, so Neun, der den Fluch voller Auftragsbücher dafür verantwortlich macht, dass Anstrengungen in diesen Bereichen und die Suche nach sogenannten „Blauen Ozeanen“ völlig vernachlässigt wurden. „Nur mit einer klaren Strategie zur Erschließung neuer Märkte, die Rücksicht auf die jeweiligen Gegebenheiten der Zielmärkte nehmen, lassen sich erfolgreich neue und konstante Wirtschaftsbeziehungen aufbauen.“

Autoren: Michael Storks / Hannelore Brecht

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Noch immer wird versucht die Brexit-Entscheidung Großbritanniens auf gezielte Desinformation der Wähler zurückzuführen. Sollte dies gelingen, so stünde möglicherweise eine neue Abstimmung bevor. Diese wäre wahrscheinlich auch notwendig, wenn die jetzige britische Regierung keine Mehrheit im Parlament zu den Ergebnissen der Austrittsverhandlungen bekäme.