Gründungsflaute trotz hohem Ansehen

p395289 NEUNsight Januar 2019

Deutschland gehört im internationalen Vergleich zu den Ländern mit der niedrigsten Quote an jungen Gründern. Und dies angesichts eines hohen sozialen Status, den erfolgreiche Gründer in Deutschland genießen.

Die niedrige Gründungsquote geht aus dem aktuellen Global Entrepreneurship Monitor (GEM) hervor, für den das RKW Kompetenzzentrum in Deutschland gemeinsam mit dem Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz Universität Hannover Daten erhoben und ausgewertet hat.

Junge Deutsche verzichten auf Selbstständigkeit

3,4 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland haben ein Unternehmen gegründet oder stehen kurz davor. Nur in der Altersgruppe von 55 bis 64 Jahren beträgt der Gründeranteil in Deutschland ebenfalls 3,4 Prozent und damit rund zwei Prozentpunkte unter der altersunabhängigen Gründerquote in Deutschland (5,3 Prozent).

Estland ist Spitzenreiter

Mit 24,6 Prozent ist der Gründeranteil unter den 18- bis 24-Jährigen in Estland am höchsten. Dahinter folgen Guatemala (24,1 Prozent) und Libanon (23,6 Prozent). Mit einem Unterschied von 5,2 Prozentpunkten ist Estland eines von 15 Ländern, in denen der Anteil junger Gründer höher als die durchschnittliche Gründungsquote des Landes ist. Neben Estland weist der Gründeranteil von jungen Menschen in Lettland (5,5 Prozent) und Uruguay (4 Prozent) die größten Unterschiede zur Durchschnittsquote auf.

 Schlusslichter: Frankreich und der Slowakei

Lediglich in sechs der analysierten Länder machen sich anteilig weniger junge Erwachsene als in Deutschland selbstständig: In Bulgarien und Korea (je 3,3 Prozent), Zypern (3,1 Prozent), der Schweiz (3,0 Prozent) sowie Frankreich und der Slowakei (je 1,6 Prozent). Es fällt auf, dass überdurchschnittlich viele europäische Länder einen geringen Anteil an 18- bis 24-jährigen Gründern aufweisen.

In der Altersgruppe von 55 bis 64 Jahren ist die Quote der Gründer mit 39 Prozent in Madagaskar am höchsten. Ecuador liegt mit 23 Prozent auf dem zweiten Platz, gefolgt von Chile mit 17,1 Prozent. Neben Madagaskar liegt der Gründeranteil in dieser Altersgruppe nur in Katar, Korea, Frankreich und der Slowakei höher als die durchschnittliche Gründungsquote des jeweiligen Landes. Am wenigsten 55- bis 64-Jährige gründen hingegen in Bosnien und Herzegowina ein Unternehmen (1,5 Prozent). Griechenland weist mit 1,7 Prozent den zweitniedrigsten Anteil an Gründern in dieser Altersgruppe auf. Italien folgt mit 1,8 Prozent.

Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer, Projektleiterin des RKW Kompetenzzentrums, kommentiert die Studienergebnisse: „In Deutschland liegt der Anteil an Gründern unter jungen Erwachsenen deutlich  unter der durchschnittlichen Gründungsquote von 5,3 Prozent. Unternehmerisches Denken und Unternehmertum sollten daher schon früher gefördert werden. Eine sinnvolle Maßnahme wäre beispielsweise die bundesländerübergreifende Einrichtung des Schulfaches Wirtschaft, wie es bereits in Bayern und Baden-Württemberg geschehen ist.“

Gründungsflaute trotz hohem Ansehen

Nur in wenigen Ländern haben erfolgreiche Gründer einen höheren sozialen Status als in Deutschland. Das geht aus dem ebenfalls aktuellen Global Entrepreneurship Monitor (GEM) hervor, für den das RKW Kompetenzzentrum in Deutschland gemeinsam mit dem von Professor Rolf Sternberg an der  Leibniz Universität Hannover geleiteten Team Daten erhoben und ausgewertet hat.

Demnach messen rund 78 Prozent der 18-64-jährigen Deutschen erfolgreichen Gründern in Deutschland einen hohen sozialen Status bei. Europaweit ist das der zweithöchste Wert. Nur in Irland liegt dieser Wert noch höher (81,9 Prozent). Die Top Fünf komplettieren Großbritannien (75,6 Prozent), Frankreich (74,2 Prozent) und Italien (73,2 Prozent).

Aber auch im weltweiten Vergleich landet Deutschland auf einem guten achten Platz. Neben Irland platzieren sich unter anderem der Iran (79,4 Prozent), Indonesien (81 Prozent) und Israel (86,1 Prozent) vor Deutschland. Den höchsten sozialen Status haben Gründer in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hier schätzen 87,8 Prozent der Bürger den gesellschaftlichen Status von erfolgreichen Gründern als hoch ein. Die USA landen hingegen knapp hinter Deutschland (75,5 Prozent).

Vergleichsweise wenig Respekt und gesellschaftliches Ansehen genießen Gründer  in Spanien (47,9 Prozent), Kroatien (47,7 Prozent) und Argentinien (47,4 Prozent). Auch in Uruguay (51,9 Prozent) und Japan (52 Prozent) liegt dieser Wert 2017 deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt von 68,5 Prozent.

Autoren: Nils Leidloff / Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Die Diskrepanz zwischen niedriger Gründungsrate bei jungen deutschen Erwachsenen und dem hohen Ansehen, das erfolgreiche Gründer in der Bundesrepublik genießen, lässt sich kaum schlüssig erklären. Hierzulande spielen Faktoren wie Neid auf den Erfolg anderer und die bereits festzustellende Unwilligkeit ein eigenes Unternehmen zu gründen, die entscheidenden Rollen. Vor allem im Handwerk werden händeringend Unternehmensnachfolger und neue Gründer gesucht.