„New Work“ ist mehr als Trampolin, Yoga-Stunde und Homeoffice

p395289 NEUNsight Juni 2019

New Work ist eine Einstellung – und zwar eine, die in den Köpfen der Führungskräfte beginnen muss.

Haben Sie schon mal den Begriff ´New Work´ gegoogelt? Ich habe es für diesen Beitrag spaßeshalber getan und war anschließend rund drei Stunden voll beschäftigt. Die Befragung der Suchmaschine ergab 16.800.000.000 Ergebnisse – in 0,55 Sekunden. Ich sprang von Artikel zu Artikel und las mich fest: „Capital“ schrieb „Warum wir eine New Work Charta brauchen“, das Zukunftsinstitut titelte „Megatrend New Work“, „Der Spiegel“ versprach eine Antwort auf die Frage „Was deutsche Chefs vom ´New Work´ in anderen Ländern lernen können“.

Nahezu jede Zeitschrift, jedes Magazin in diesem Land hat sich bereits mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Keine Frage: New Work ist en vogue – und das machen sich viele Firmen gerade gerne zunutze, indem sie mit diesem Stempel um junge, aufstrebende Talente aus der Generation Y werben. Immer wieder müssen diese jedoch erleben, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine ziemlich große Lücke klaffen kann und dass nicht immer New Work drin ist, wo New Work drauf steht (oft ist es meiner Erfahrung nach sogar so, dass gerade bei so manchem kleineren Unternehmen New Work bereits vorbildlich gelebt wird, ohne dass dort der Begriff jemals gefallen ist).

Adieu Stechuhr und Patriarchat

Vor einigen Wochen traf ich bei einem Abendessen auf den Sohn von Freunden, der seine Eltern gerade für ein paar Tage in seiner alten Heimat besuchte, und sprach mit ihm über seine Erfahrungen. Er, 25, hatte ein Jahr zuvor erfolgreich seinen Master in Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen, und anschließend ein gutes Dutzend Bewerbungen rausgeschickt. Neben dem Interesse an Big Playern wie Adidas und Mercedes schwebte ihm auch eine Tätigkeit in einem mittelständischen Unternehmen vor, weil er bei diesen Hidden Champions vor allem auf die Möglichkeit hoffte, sich sich ohne allzu viel Druck weiterentwickeln und mit dem Unternehmen gemeinsam wachsen zu können. Als einer dieser Mittelständler ihm in einem Vorstellungsgespräch dann auch noch ein sehr gutes Gehalt bot und das Wort „New Work“ fallen ließ, war für ihn klar: Der soll es sein.

„Ich war ziemlich naiv“, sagte er nun im Nachhinein zu mir. „Hab mich mit einem Begriff ködern lassen und nicht wirklich hinterfragt, was der Arbeitgeber damit genau meint.“ Das wusste der Arbeitgeber offensichtlich selbst nicht so ganz genau, denn sein Konzept zu „New Work“ war – um es höflich zu formulieren – ziemlich unausgegoren, denn ein Kicker und das Angebot zu einer Yoga-Stunde in der Mittagspause alleine sind noch lange nicht „New Work“.

Was aber bedeutet dieser mittlerweile zugegebenermaßen inflationär genutzte Begriff?

Zurück geht das Konzept auf den österreichisch-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann, der damit die neue Arbeitsweise der heutigen Gesellschaft im globalen und digitalen Zeitalter bezeichnete, in der Annahme, dass das bisher vorherrschende System in Form von streng strukturierten, hierarchischen Arbeitsstrukturen veraltet sei.

Also: Adieu Stechuhr und Patriarchat, hallo Flexibilität, Kreativität, Mitbestimmung und Sinn.

New Work ist ein Wandel, der im Kopf beginnt

Soweit die Theorie. Doch wie kann eine Firma es schaffen, die Ideen dieser Bewegung im Alltag umzusetzen? Und muss sie das überhaupt? Lassen Sie mich zunächst die zweite Frage beantworten – und zwar mit einem eindeutigen Ja! Ein Unternehmen muss sich den Umweltbedingungen anpassen, sich dem kulturellen Wandel zu verschließen, wäre der Beginn des Niedergangs, denn möchten Sie in einem Unternehmen arbeiten, dem man nachsagt, dass es ein ewig gestriges sei? Sehen Sie – ich auch nicht.

Die erste Frage dagegen ist schwieriger zu beantworten. Nicht umsonst gibt es zu dem Thema jede Menge Workshops und Schulungen. Ich will es trotzdem versuchen. Zunächst einmal: Machen Sie nicht den Fehler, den das Unternehmen machte, in dem der Sohn meiner Freunde anfing (und das er mittlerweile wieder gerne verlassen würde). Das heißt: Geben Sie sich nicht den Anstrich etwas zu sein, das Sie nicht sind. Wenn Sie vorgeben New Work zu leben, dann handeln Sie auch danach. Und das bedeutet nicht, dass Sie Ihren Mitarbeitern ein Trampolin in den Aufenthaltsraum stellen, jeden Mittag eine Yoga-Lehrerin in die Abteilungen schicken oder frisch gepresste Säfte verteilen lassen – zumindest nicht nur, auch wenn diese Beispiele sicherlich den einen oder anderen Mitarbeiter vor Freude strahlen lassen.

New Work ist mehr. Viel mehr! Es ist zuallererst ein Wandel und der beginnt nicht mit dem Kauf neuer, hipper Büromöbel oder eines Tischkickers, sondern er beginnt im Kopf – und zwar im Kopf des Führungskräfte, denn sie sind es, die die Stimmung im Team beeinflussen und prägen. Nur wenn diese verinnerlicht haben, was sich die neue Generation der Mitarbeiter wünscht (und warum) und wenn sie bereit sind diese neue Arbeitsweise zu leben, kann eine Veränderung in der Unternehmenskultur stattfinden.

Sind Sie bereit dazu? Dann legen Sie los:

  1. Kommunikation ist alles! Seien Sie offen und leihen Sie Ihren Mitarbeitern Ihr Ohr: Hören Sie genau hin, wenn es um deren Wünsche und Bedürfnisse in Sachen Arbeitsgestaltung geht. Das klingt selbstverständlich, wird im Alltagsstress aber leider nur von den wenigsten Vorgesetzten wirklich umgesetzt. Dabei lohnt sich der Einsatz dieser Zeit: aus solchen Gesprächen entstehen neue Impulse und manchmal sogar neue Tätigkeitsbereiche für ein Unternehmen.
  2. Schenken Sie Ihren Mitarbeitern Vertrauen und geben Sie ihnen die Freiheit und Flexibilität, die die heutige Arbeitswelt fordert. Selbstbestimmung (auch, wenn es darum geht, die Mitarbeiter wählen zu lassen, wann und wo sie arbeiten) ist ein wichtiger Grundstein von New Work.
  3. Fordern Sie auch ein: New Work ist keine Einbahnstraße. Verlangen Sie Ihrerseits von Ihren Mitarbeitern ein hohes Maß an Eigeninitiative, Einsatz und Strukturiertheit. Daran mangelt es in Ihrem Team? Keine Sorge, das kann man lernen, beispielsweise in eigens dafür konzipierten Seminaren.
  4. Seien Sie ein Team: Die Zeiten der über alle Köpfe hinweg bestimmenden Patriarchen sind vorbei. Binden Sie die Angestellten in Entscheidungsprozesse ein, nehmen Sie deren Ideen und Kritik an. Sie werden überrascht sein, mit wie viel mehr Elan und Motivation Menschen arbeiten, die sehen, dass ihre Ideen wertgeschätzt werden.
  5. Wagen Sie Neues: Nichts ist schlimmer als im alten Trott zu verharren. Es lohnt sich neue Konzepte auszuprobieren, um die Mitarbeiter agil und kreativ zu halten. Ein schöner Ansatz ist es beispielsweise, die engen Grenzen der einzelnen Abteilungen für die Dauer eines Projekts aufzulösen oder Mitarbeitern Aufgaben jenseits ihrer ursprünglich festgelegten Tätigkeit anzuvertrauen.

 

Autor: Winfried Neun

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

New Work ist mehr. Viel mehr! Es ist zuallererst ein Wandel und der beginnt nicht mit dem Kauf neuer, hipper Büromöbel oder eines Tischkickers, sondern er beginnt im Kopf – und zwar im Kopf des Führungskräfte, denn sie sind es, die die Stimmung im Team beeinflussen und prägen. Nur wenn diese verinnerlicht haben, was sich die neue Generation der Mitarbeiter wünscht (und warum) und wenn sie bereit sind diese neue Arbeitsweise zu leben, kann eine Veränderung in der Unternehmenskultur stattfinden.