Die Psychologie der Veränderung

p395289 NEUNsight Juli 2019

Warum uns der Ausbruch aus der Routine so schwer fällt – und wie wir unsere Angst überwinden können – vier Regeln zur Überwindung der Furcht.

Herr W. und ich kennen uns schon ewig. Wir haben gemeinsame Bekannte, bei deren Festen wir uns in den letzten Jahren immer mal wieder über den Weg liefen. Oft drehten sich unsere Gespräche um seine Firma, ein Betrieb mit rund 40 Angestellten, dessen Entwicklung ich interessiert verfolgte. Nie hatte W. mich bei all diesen Treffen um meinen professionellen Rat gefragt – er schien ihn nicht zu brauchen und das freute mich für ihn.

Bis kürzlich das Telefon klingelte und Herr W. nach einem kurzen Small-Talk zur Sache kam. Er stecke in der Klemme. Sein Sohn sei vor rund zwei Jahren mit in den Betrieb eingestiegen, er habe viele gute Ideen mitgebracht und auch ihn, seinen Vater, für einige Neuerungen begeistert. Zuletzt habe man eine neue Strategie für die Marktbearbeitung entwickelt. Der Plan sei, sich zukünftig verstärkt über digitale Medien zu positionieren und zu verkaufen.

Die Theorie stand also, nur die Praxis entpuppte sich als schwierig, denn die Vertriebsabteilung schaltete nach dieser Ankündigung auf stur, denn für sie bedeutete der neue Ansatz vor allem eines: Dass sie ihre Art des Verkaufens massiv ändern sollte. Unausgesprochen stand die Frage des ´Warum´ im Raum. Warum etwas anders machen, was doch im Grunde genommen seit jeher gut funktioniert hat?

Herr W. war verzweifelt. Er kannte seine Mitarbeiter nur als absolut loyal und motiviert, mit Widerstand hatte er nicht gerechnet. „Was soll ich tun?“, fragte er mich. Zunächst einmal konnte ich Herrn W. beruhigen. Situationen wie diese kommen in der besten Firma vor. Es spricht nur selten jemand darüber.

Dahinter steckt immer das gleiche: Die Angst der Mitarbeiter vor einer anstehenden Veränderung, die Angst vor dem Verlust von Routinen (ob man diese nun liebt oder nicht ist in diesem Moment paradoxerweise nicht von Bedeutung, man klammert sich an sie, als hinge das eigene Leben davon ab).

Was merkwürdig klingt, ist durchaus menschlich, denn das Lösen von Altbewährtem und Bekanntem bedeutet den Schritt in die Unsicherheit, und das registriert unser Gehirn als potentielle Gefahr. Der naheliegende Reflex? Ablehnung!

Die Mitarbeiter von Herrn W. konnten also zunächst gar nicht anders reagieren, als sie es taten. Herr W. war nun also einen Schritt weiter, denn er schaffte es sich in seine Angestellten hinein zu versetzen. Wichtiger war nun allerdings genau zu überlegen, wie es weitergehen sollte – und hier gab ich ihm einige Regeln an die Hand, die nicht nur im Arbeitsumfeld, sondern auch im Privatleben dabei helfen können, die Furcht vor der Veränderung in den Griff zu bekommen:

1.) Nichts überstürzen: Nehmen Sie sich zu Beginn nicht zu viel vor (und muten Sie auch Ihren Mitarbeitern nicht zu viel auf einmal zu). Veränderung heißt immer Routinen zu streichen und zu durchbrechen und folglich neue Routinen zu lernen. Damit unser Gehirn das (wohlwollend) annimmt, ist es wichtig, dass wir uns nicht vier, fünf, sechs Veränderungen gleichzeitig vornehmen, sondern mit einer beginnen und diese dann auch ganz konsequent, langsam und kontinuierlich umsetzen.

2.) Erlauben Sie Fehler: Wer neue Wege beschreitet, muss dies nicht perfekt machen. Niederlagen und missglückte Ansätze sind kein Drama, im Gegenteil: Sie sind sogar sinnvoll, denn Fehler sind aktives Lernen. Nur wer Fehler macht, kann darüber Erfahrungen ableiten, die im Gedächtnis abgespeichert sind und auf welche man in neuen, unbekannten Situationen zurückgreift. Betonen Sie dies auch gegenüber Ihren Mitarbeitern und machen Sie klar: Niemand wird an den Pranger gestellt oder gerügt, nur weil man die Neuerungen nicht auf Anhieb perfekt umgesetzt hat.

3.) Der Schritt zurück ist keine Sünde: Sind Sie eine Veränderung angegangen und haben festgestellt, dass diese nicht das ist, was Sie sich erhofft haben, sollten Sie diese wieder in Frage stellen. Es macht keinen Sinn etwas umzusetzen, von dem Sie nicht überzeugt sind. Das ist – keine Sorge – kein Rückschritt in alte Gewohnheiten, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit Machbarem und nicht Machbarem. Also durchaus legitim und erlaubt und wer weiß, vielleicht finden Sie auf dem Weg zurück noch eine andere Abbiegung, die Ihnen besser passt…

4.) In der Gruppe sind Sie stark: Gehen Sie Veränderungen immer mit sozialer Unterstützung, also mit Hilfe von Freunden oder Bekannten an, denn sehr oft wird die Umsetzung von Wünschen dadurch erschwert, dass das Umfeld versucht, einem diese Idee auszureden. Das können Sie verhindern, indem Sie die Idee von Beginn an aktiv mit dem Umfeld besprechen, Ihr Vorhaben ankündigen und Ihre Freunde und Bekannten in Ihre Gedanken einbinden. Für berufliche Veränderungen, wie Herr W. sie plante, bedeutet das, dass es unklug ist seine Mitarbeiter vor vollendete Tatsachen zu stellen. Stattdessen sollte er sie in die geplante Entwicklung einbeziehen, so mindert man Widerstände gleich von Anfang an.

Autor: Winfried Neun

Bild: Pixabay (CCO)