Oder nicht, oder doch? Warum es uns so schwer fällt, uns zu entscheiden – und wie wir das ändern können

p395289 NEUNsight Juli 2019

Wir leben in einer Welt voller Möglichkeiten. Doch genau diese Fülle an Optionen ist ein großes Hindernis, wenn wir nicht lernen, richtig damit umzugehen.

In einem anderen Leben, zeitlich eine gefühlte Ewigkeit entfernt und noch lange vor meiner Selbstständigkeit als Coach und Wirtschaftspsychologe, stellte mir mein damaliger Chef eine Frage, die mich um den Schlaf brachte: Würden Sie für uns eine Stelle im Ausland antreten?

Noch ehe das Fragezeichen hinter diesem Satz richtig verklungen war, begann es heftig in meinem Kopf zu arbeiten: Soll ich oder soll ich nicht? Mein Gehirn erstellte in Sekundenschnelle Pro- und Contra-Listen (Abenteuer, neue Herausforderung gegen Familie, Beziehung), verwarf sie wieder und mein Bauch kribbelte wie verrückt.

Das Ergebnis: Ich bat um Bedenkzeit. Mein Chef nickte verständnisvoll und ich widmete mich erst einmal dem alltäglichen Arbeitspensum. Das tat ich auch am folgenden Tag und am darauf folgenden Tag. Ich stürzte mich voller Energie in das Alltägliche – wohl wissend, dass ich mich in der ersten freien Sekunde mit der Frage nach dem möglichen Auslandsaufenthalt auseinandersetzen müsste. Doch dazu fehlte mit der Mut, denn eine Beschäftigung mit dem Thema hätte mir eine Entscheidung abverlangt, die ich nicht zu treffen im Stande war: Was, wenn ich am Ende die falsche Wahl traf? Was, wenn ich die Wahl bereuen würde? Was, wenn mein Umfeld meine Entscheidung nicht gut heißen und mich kritisieren würde?

Ich wurde mut- und antriebslos, etwas, das ich gar nicht von mir kannte. Ich malte mir aus, wie mein Leben in dem fernen Ort aussehen könnte, überlegte hin und her – und kam zu keinem Ergebnis.

Am Ende war es mein Chef, der mir die Entscheidung abnahm und eine Kollegin fragte. Er klopfte mir auf die Schulter und sah mich ein wenig bedauernd an: Ich hatte ihn mit meiner Unentschlossenheit enttäuscht, das wusste ich.

Ja oder nein? Vielleicht!

Die Geschichte ist 25 Jahre her, ich denke noch heute an sie. Sie ist ein sehr interessantes Beispiel für ein Problem, das in den vergangenen Jahren noch viel größer geworden ist. Immer wenn Kunden in meine Sprechstunde kommen, um mit mir über das Thema Entscheidungsschwierigkeiten zu sprechen, verfalle ich für einen kurzen Moment in eine Schreckstarre, weil ich genau nachvollziehen kann, was in ihnen vorgeht.

Warum aber nur fällt es uns so schwer, das Richtige zu tun?

Wir leben in einer Welt mit einer Fülle an Informationsquellen, das Internet (und damit das gesammelte Wissen der Menschheit) ist stets nur einen Mausklick entfernt. Diese Tatsache ist Fluch und Segen zugleich, denn einerseits sind wir dadurch so belesen wie nie zuvor und sammeln in Sekundenschnelle alle Informationen über die Stadt, in die uns der Chef für die nächsten Monate schicken will, klicken uns durch Fotos, Instagram-Accounts und Youtube-Videos und haben fast das Gefühl schon vor Ort zu sein.

Gleichzeitig sind wir aber gar nicht in der Lage, diese Fülle an Infos strukturiert und systematisch abzuspeichern und auszuwerten: Steht eine Entscheidung an, beginnen die beiden Hälften unseres Gehirns (die linke Seite ist zuständig für komplexe Denkprozesse, die rechte für emotionale, spontane Aktionen) einen Kampf, Gefühl und Verstand treten in eine Art Wettstreit.

Kopf oder Bauch? Bauch oder Kopf?

Das ist anstrengend, wir fühlen uns überfordert und tun etwas Naheliegendes: Wir brechen den Denkprozess einfach ab. Ist ja auch bequemer so, denn nur wer keine Entscheidung trifft, kann sich nachher nicht vorwerfen, die falsche Wahl getroffen zu haben. Ganz ähnlich dachte ich damals.

Ob ich bereue, dass ich nicht ins Ausland gegangen bin? Aus heutiger Sicht sage ich ja, denn ich hätte gerne eine zeitlang in einer anderen Kultur verbracht, eine neue Sprache gelernt und meinen Freundeskreis erweitert. Aber was ich noch viel mehr bereue ist meine Wankelmütigkeit, die Tatsache, dass ich mich nicht klar dafür oder dagegen entschieden habe. Ein paar Wochen nach der Abreise meiner Kollegin stieß ich in einem kleinen Kiosk auf eine Postkarte. Sie hing an einer Pinnwand an der Kasse, es war eine von diesen Sprüchekarten, die Firmen drucken lassen und kostenlos in Cafés und Restaurants zur Mitnahme bereitstellen.

„Manchmal wartet das Glück nur ein kurzes Stück hinter der Entscheidung, die du nicht treffen willst“, stand da. Ich überwand meine Scheu und fragte den Mitarbeiter, ob ich sie ihm abkaufen könnte. Er überließ sie mir für einen symbolischen Pfennig. Sie hing lange Jahre über meinem Schreibtisch und erinnerte mich daran, dass es in Sachen Entscheidungsfindung nur einen unverzeihlichen Fehler gibt: Nicht den Mut aufzubringen eine Wahl zu treffen.

Vier Tipps für die richtige Entscheidung:

  1. Nur Geduld: Treffen Sie Entscheidungen nicht schlagartig, schnell und unkontrolliert, vor allem dann nicht, wenn Sie sich in Ausnahmesituationen befinden, wie Trauer, höchste Anspannung, Stress und Verletzungen. In solchen Momenten sind die Neuronen in unserem Gehirn blockiert und es fällt uns schwer klar zu denken. Warten Sie ab, bis sich die Wellen der Aufregung gelegt haben, denn nur wer entspannt und gelassen ist, kann eine gute Entscheidung treffen.
  2. Hören Sie auf Ihre Emotionen! Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in neun von zehn Fällen die Bauchentscheidung wesentlich bessere Konsequenzen mit sich bringt, als die logisch durchdachte Kopfentscheidung.
  3. Sortieren Sie Ihre Gedanken: Wenn Sie Zweifel haben und nicht in der Lage sind eine Entscheidung zu treffen, nehmen Sie sich ein Blatt Papier und einen Stift und schreiben Sie genau auf, was Sie umtreibt. Durch das Dokumentieren verlangsamt sich das Denken und wir erkennen neue Informationen, die bisher im Verborgenen lagen.
  4. Seien Sie mutig: Lieber eine halb gute oder sogar eine schlechte Entscheidung treffen, als gar keine. Nur wer eine Wahl trifft, blickt dem Leben und den Veränderungen ins Auge. Wer Verhalten gestalten und Lebenszufriedenheit erreichen will, muss bereit sein, neue Wege zu gehen.

 

Autor: Winfried Neun

Bild: pixabay