Die Wiederentdeckung der Intuition – oder: Kommen die wirklich guten Entscheidungen aus dem Bauch?

p395289 NEUNsight Juli 2019

Wenn man – wie ich – in einem beratenden oder gar helfenden Beruf tätig ist, bleibt es nicht aus, dass sich Privat- und Berufsleben immer wieder vermischen: Jeder Arzt hat mit Sicherheit mehr als einmal bei einer Party die Frage gehört: „Schau mal, hier zwickt es, was kann das sein?“ und jeder Steuerexperte musste sich schon die Bitte einer neugewonnen Urlaubsbekanntschaft anhören: „Hast du nicht noch einen guten Tipp parat, wie ich diese Reise absetzen könnte?“

So erging es mir vor wenigen Wochen bei einem Familienfest. Ein entfernter Cousin nahm mich am Buffet beiseite. Seine besorgte Miene ließ mich gleich stutzig werden und es dauerte es nicht lange, bis er mir sein Problem schilderte. Es ging um seine Tochter, die als frisch gebackene Anwältin vor einigen Monaten in einer renommierten Großkanzlei angefangen hatte. Instinktiv gratulierte ich, als ich den Namen des Arbeitgebers hörte, schließlich wusste ich, wie begehrt solche Stellen und Juristen sind. „Sie muss sehr glücklich sein und du auch“, sagte ich.

Mein Cousin winkte ab: „Genau das ist es ja, sagte er. Sie wirkt ganz und gar nicht glücklich – im Gegenteil. Ich habe sie in den 25 Jahren seit ich sie kenne, selten so unzufrieden erlebt.“

Seine Geschichte machte mich neugierig und ich bat ihn, seine Tochter bei ihrem nächsten Besuch in der Heimat doch zu einem Coaching-Gespräch bei mir vorbeizuschicken. Ich war unsicher, ob sie sich darauf einlassen würde, doch nur zwei Tage nach der Familienfeier kam eine SMS meines Cousins an, in der er mir schrieb, dass L. sich freute mich bald zu sehen.

Als L. in meiner Praxis auftauchte, wirkte sie wie ich sie in Erinnerung hatte. Gut gelaunt, höflich, witzig. Sie war schon immer ein ehrgeiziger, zielstrebiger Typ gewesen und ich wunderte mich nicht, dass sie es in ihrem Beruf weit gebracht hatte. Nachdem wir uns kurz über ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder unterhalten hatten, der gerade ein Gap-Year in Australien machte, sprach ich L. auf ihre neue Stelle an. „Ein toller Job“, sagte ich, und versah meine Aussage mit einem ziemlich großen Fragezeichen. Es war, als hätte L. nur darauf gewartet und es brach aus ihr heraus. „Alle sagen immer, wie toll die Stelle doch ist, wie großartig ich mich fühlen muss und wie stolz ich auf mich sein kann. Die Wahrheit ist: Ich hasse meinen Job.“ L.s Ausbruch bestätigte mir, was ich schon nach dem Gespräch mit meinem Cousin vermutet hatte. Hier stand jemand vor mir, der sich in eine Situation hineinmanövriert hatte und sich aus Angst vor den Reaktionen der anderen nicht mehr traute diese zu verlassen. Ich machte uns einen Espresso und L. begann zu erzählen. Von ihren guten Noten an der Uni, den Praktika in den renommierten Kanzleien, vom Angebot ihres heutigen Arbeitgebers. „Das Schlimme ist“, sagte sie, „dass ich von Anfang an spürte, dass die Stelle nichts für mich ist. Dass ich ein schlechtes Gefühl hatte in dem Moment, in dem ich den Vertrag unterschrieb, und dass ich es trotzdem gemacht habe.“ Ich sah sie fragend an. „Weil die Kanzlei als eine der besten gilt. Weil sie Top-Bewertungen hat. Weil die Professoren von ihr schwärmen und weil ich wusste, dass es genau das ist, was meine Freunde und meine Familie von mir erwarten. Dabei wusste ich gleichzeitig, dass ich nicht der Typ für diese Art von Arbeit bin, dass ich bei einer kleineren Kanzlei besser aufgehoben wäre, weil ich nicht jeden Tag  zu einem anderen Klienten reisen muss, und nicht spät abends heim komme und stattdessen noch Zeit für meine Hobbys habe. “ L. schwieg erschöpft.

L. hatte einen Fehler begangen, den viele begehen. Sie hatte bei der Entscheidung nicht auf ihre Intuition gehört, ihr Bauchgefühl vernachlässigt – und es bitter bereut.

Intuitives Denken kann man nur bedingt lernen, weil es etwas ist, das sich erst im Laufe unseres Lebens entwickelt, etwas, das wir auf Grund unserer gesammelten Erfahrungen erwerben: Wir arbeiten nicht nur logisch ab, wir vernetzen, denken quer, kombinieren, sehen Dinge im Überblick, bringen sie miteinander in Verbindung.

Aber mit Hilfe dieser vier Tipps können wir unsere Intuition stärken:

1. Sagen Sie häufiger „Nein“: Viel zu oft sagen wir „Ja“ zu Dingen, die wir eigentlich nicht wollen und stimmen Dingen zu, die wir gar nicht so empfinden, weil wir uns von unserem Umfeld überreden lassen (oder aber dem Folge leisten, von dem wir vermuten, dass es die anderen von uns erwarten). Dabei ist die Fähigkeit „Nein“ zu sagen äußerst wichtig, um sich die notwendige Ruhe zu verschaffen und eine Distanz zu anstehenden Entscheidungen zu bekommen, und so unserem Gefühl den Vortritt zu lassen.

2. Lassen Sie Ihrem Bauch mehr Raum: Zu oft sind wir verkopft und akademisch. Wir analysieren alles und versuchen alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen auszunutzen (und die sind im Zeitalter des Internets natürlich fast unendlich), um die ´richtige´ Entscheidung treffen zu können. Dabei übersehen wir, dass dieses Vorgehen unser Gehirn so komplett überfordert. Darum gilt die Devise: Weniger ist mehr! Also weniger Info, und mehr auf den Bauch vertrauen. Untersuchungen haben ergeben, dass solche spontanen Entscheidungen im Vergleich zu denen, die auf Zahlen und Statistiken basieren, oft die besseren sind, das heißt, sie führen zu einem zufriedenstellenderen Ergebnis.

3. Haben Sie Mut: Der berühmte Bergsteiger Reinhold Messner hat einmal gesagt: „Mut bedeutet, trotz Verzweiflung einen Schritt weiter zu gehen.“ Auch wenn man unsicher ist, sollte man ein Risiko eingehen und sich auf seine Intuition verlassen. Vertrauen Sie ihr – sie (ent) täuscht Sie nicht!

4. Schlafen Sie drüber: Wer sich intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt und alle notwendigen Informationen dazu recherchiert hat, sollte zwei, drei Tage und Nächte warten und dann tief in sich hineinhören: Was sagt das Gefühl? (und ausschließlich das Gefühl, bitte verzichten Sie auf das Einholen weiterer Infos) Fühlen wir uns mit unserer Wahl wohl? Denn genau dieses Wohlfühlen ist der entscheidende Faktor, der die notwendigen Energien und Kräfte in uns freisetzt, die wir benötigen, um unsere Pläne wirklich umzusetzen. Und vergessen Sie nicht: Wenn ich von meiner Intuition überzeugt bin, muss ich sie auch vor niemandem rechtfertigen. Nur so wird man glücklich.

Und L.? Sie hat ihre Stelle gekündigt. Und ist erst einmal zu ihrem Bruder nach Australien geflogen. Wie es weitergeht? Das wird sich zeigen. Sie vertraue jetzt auf ihren Bauch, schrieb sie mir in einer E-Mail aus Sydney. Ich schicke nur ein Emoji zurück: Daumen hoch!

Autor: Winfried Neun

Bild: Pixabay (CCO)