Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Warum wir grün denken, aber nicht grün handeln!

p395289 NEUNsight August 2019

Es ist schon ein paar Wochen her, doch an den ersten Juni dieses Jahres erinnere ich mich noch genau. Bei der Zeitungslektüre sprang mir eine Nachricht ins Auge, die ganz Deutschland bewegen sollte – so auch mich: „Grüne erstmals stärkste Kraft vor der Union“.

Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa lag die Partei von Robert Habeck und Annalena Baerbock mit 27 Prozent einen Punkt vor der CDU/CSU – und wäre somit zum ersten Mal in ihrer Geschichte stärkste Kraft bei einer anstehenden Bundestagswahl.

Ich war beeindruckt, dabei war diese Entwicklung nach dem grandiosen Erfolg der Grünen bei den Europa-Wahlen im Mai nur konsequent. Doch so sehr dieser grüne Trend in Deutschland vielerorts auch gefeiert wurde, so nachdenklich stimmte er mich. Denn ich fragte mich, inwieweit das Kreuz auf dem Stimmzettel oder die Stimme in Meinungsumfragen auch eine echte Verbesserung der Umstände mit sich bringen würde, sprich: Die Deutschen wählten zwar grün, aber handelten sie auch danach?

Auf der Seite des Umweltbundesamtes stieß ich auf eine aktuelle Studie zum Thema: Seit 1996 werden alle zwei Jahre Bürgerinnen und Bürger in einer repräsentativen Umfrage namens „Umweltbewusstsein in Deutschland“ zu ihren Einschätzungen zum Zustand der Umwelt, ihrem eigenen umweltrelevanten Verhalten sowie zu aktuellen Themen der Umweltpolitik befragt.

Der Blick auf diese Untersuchung beantwortete mir meine oben gestellte Frage ziemlich klar. Ihr zufolge hat das Problembewusstsein für Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes in den letzten Jahren um elf Prozent zugenommen. 64 Prozent der Befragten (unter den 14- bis 19-Jährigen waren es sogar 78 Prozent) stufen die Themen Umwelt und Klimaschutz als sehr wichtige Herausforderung ein und geben ihnen damit einen ähnlich hohen Stellenwert wie den beiden Top-Themen Bildung (69 Prozent) und soziale Gerechtigkeit (65 Prozent).

Auf den ersten Blick war das natürlich mehr als erfreulich, doch beim Weiterlesen offenbarte sich schon ziemlich bald ein großes ABER. Denn die Macher der Studie verschweigen nicht, dass die Befragten zwar ein grünes Bewusstsein haben, in ihrem Alltag allerdings nicht immer in diesem Sinne handeln. Das heißt im Klartext, dass die erschreckend großen Mengen von Wasserflaschen, Tüten und anderem Plastikabfall, der im Meer treibt und für das Verenden zahlloser Tiere verantwortlich ist, für fast jeden Befragten Anlass zur Sorge geben, dass jedoch gleichzeitig nur die wenigsten konkrete Handlungsänderungen daraus ableiten.

So empfinden zwar zwei Drittel der Befragten Umweltbelastungen durch Pflanzenschutzmittel als großes Problem der heimischen Landwirtschaft, gleichzeitig sind Bio-Lebensmittel nach wie vor Nischenprodukte, ihr Anteil am Lebensmittelmarkt betrug im Jahr 2017 nur 5,1 Prozent. Umwelt- und Klimaschutz soll bei Fragen der Verkehrspolitik eine übergeordnete Bedeutung haben, meinen 53 Prozent der Befragten. Gleichzeitig ist das eigene Auto das am häufigsten gebrauchte Verkehrsmittel – 70 Prozent nutzen es mindestens mehrmals pro Woche.

Sind wir also alle Heuchler?

Ich kann Sie beruhigen: Nein, das sind wir nicht. Es ist ganz normal, dass wir unser Verhalten nicht von jetzt auf gleich ändern können. Wer also heute die Notwendigkeit von Klima- und Umweltschutz erkennt, muss nicht zwangsläufig bis morgen sein gesamtes Verhalten ändern (weil er dazu nämlich gar nicht in der Lage ist).

„Schuld“ ist unser Gehirn, das Vorsätze (unabhängig davon, wie gut sie auch sein mögen) nur umsetzen kann, wenn wir diese in kleine Häppchen aufteilen, um sie dann Schritt für Schritt zu realisieren. Einfach ausgedrückt: Unser Gehirn benötigt eine längere Trainingsstrecke, um umzuschalten vom Wollen auf Aktion: Entwickelt werden Vorhaben nämlich auf der linken Seite des Gehirns, die verantwortlich ist für unser logisches Denken. Anschließend speichern wir sie in unserem sogenannten Intentions-Gedächtnis ab, einem Teil unseres Gedächtnisses mit einer äußerst geringen Kapazität, wo wir alle Dinge hinterlegen, von denen wir denken, dass wir sie in Zukunft machen sollten (oder eben nicht mehr), zum Beispiel den SUV verkaufen oder keine Flugreise mehr unternehmen.

Um nun diese Absichten aus dem Zwischenspeicher in das tatsächliche Handeln übertragen zu können, müssen alle Ideen und Maßnahmen, die man dort formuliert, für unser Gehirn Sinn ergeben, und das gelingt nur, wenn man das übergeordnete große Ziel („Den Klimawandel durch eigenes Handeln zu stoppen“) in viele kleine Schritte unterteilt.

 Drei Tipps, wie Sie gute Absichten zukünftig besser umsetzen werden:

1. Setzen Sie sich kleinste Ziele – und benennen Sie diese so konkret wie möglich. Sagen Sie also nicht: „Ich lebe ab heute umweltfreundlicher“, sondern „Ab September benutze ich keine Plastiktüten mehr, ab Oktober esse ich nur noch einmal im Monat Fleisch, ab November lasse ich das Auto drei mal die Woche stehen und fahre stattdessen mit der Bahn zur Arbeit.“ Das hilft unserem Gehirn, die Umsetzung zu realisieren und zu gestalten.

2. Heben Sie die Dinge, die Sie realisiert haben, hervor: Sie haben es geschafft, mehrfach im Monat auf das Auto zu verzichten und sind stattdessen die zehn Kilometer zu Ihrem Job mit dem Fahrrad gefahren? Freuen Sie sich – und teilen Sie diese Freude; nicht nur mit Freunden und Bekannten, sondern auch mit Fremden (zum Beispiel über Gruppen im Internet), denn jede soziale Unterstützung motiviert Sie weiterzumachen. Merke: Positives Feedback von Außen stärkt den Umsetzungsansatz!

3. Schreiben Sie Ihre Ziele und Ihren Weg dorthin auf. Legen Sie dazu ein sogenanntes Optimismus-Tagebuch an, in dem Sie festhalten, was Sie gemacht haben, wie Sie es gemacht haben und mit welcher Freude Sie herangegangen sind. In diesem Tagebuch sollten Sie Ihre Gefühle und Emotionen vermerken (positive wie negative), um in der Rückschau sehen zu können, was Ihnen gut gelungen ist und was schief gelaufen ist.

Autor: Winfried Neun

Bild: Pixabay (CCO)