Gut geplant ist halb gewonnen!

p395289 NEUNsight August 2019

Laut einer Umfrage von Forsa nehmen sich rund 40 Prozent der Deutschen zu Silvester vor, im kommenden Jahr etwas besser zu machen. Ganz weit vorne auf der Liste liegen Stressabbau und -vermeidung, gefolgt von mehr Zeit für Freunde und Familie. Umgesetzt wird allerdings nur ein Bruchteil der guten Vorsätze!

Vor ein paar Tagen saß ich in der Mittagspause während einer Veranstaltung mit einer Kollegin zusammen. Als sie bezahlte, fiel ein kleiner, zusammengefalteter Zettel aus ihrem Portemonnaie auf den Boden. Ich beugte mich herunter und hob ihn auf. Sie bedankte sich, lächelte etwas peinlich berührt und sagte „Meine Liste der guten Vorsätze.“

Ich hätte freundlich nicken und nicht weiter darauf eingehen können – doch wer mich kennt, weiß, dass mir genau dieses Thema auf den Nägeln brennt und so hakte ich nach. Mich interessierte weniger, welche guten Vorsätze meine Bekannte notiert hatte, als die Frage danach, wie sie es umzusetzen gedachte.

Laut einer Umfrage von Forsa nehmen sich rund 40 Prozent der Deutschen zu Silvester vor, im kommenden Jahr etwas besser zu machen. Ganz weit vorne auf der Liste liegen Stressabbau und -vermeidung, gefolgt von mehr Zeit für Freunde und Familie. 57 Prozent wollen sich mehr bewegen oder Sport treiben. Mit in den Top 10 der guten Vorsätze sind auch „Weniger Handynutzung“ und natürlich die Klassiker „Abnehmen“ und „Mit dem Rauchen aufhören“.

Was vorbildlich klingt, ist aber meistens nicht mehr als ein kurzes Strohfeuer im Kampf gegen den inneren Schweinehund: 88 Prozent der Besserungswilligen halten laut britischen Forschern ihre guten Vorsätze nicht ein.

Auch meine Kollegin gab zu, die Liste, die sie im Portemonnaie versteckt hat, niemals erfolgreich abgearbeitet zu haben. Ich durfte einen Blick darauf werfen und fand all die Klassiker der guten Vorsätze vor: Abnehmen, mehr lesen (und zwar auf Papier und nicht auf dem Handy), häufiger die enge Familie besuchen oder anrufen. „Ich starte immer hoch motiviert und nach zwei, drei Monaten ist wieder alles beim Alten“, sagte sie entschuldigend.

Ich erklärte ihr, dass sie daran eigentlich weitestgehend unschuldig ist: Es liegt an unserem Gehirn. Stellen Sie sich nur mal vor, wir würden all das, was wir denken, könnten und müssten, sofort angehen. Dann würde unser Organismus energetisch ziemlich schnell auf Null gefahren und schließlich kollabieren. Darum hat unser Gehirn einen bestimmten Verarbeitungsmodus entwickelt, der sicher stellt, dass wir nicht wahnsinnig werden. Der Trick ist eine Art Filter, ein Puffer namens Intentionsgedächtnis.

In diesem Gedächtnis wird all das, was wir als Vorsatz oder Absicht definiert haben, zwischengespeichert und ruhend abgelegt. Er füllt sich täglich, wöchentlich, monatlich mit unseren guten Vorsätzen und bekommt vor allem am Jahresende besonders viel zu tun.

Das Problem dieses Gedächtnisteils ist allerdings, dass er einen sehr einfach gestrickten, weil linearen Verarbeitungsprozess hat. Es fällt ihm schwer, Dinge quer zu denken und miteinander zu verbinden (in der Schule nannte man das Transferleistungen erbringen). Nun muss das Intentionsgedächtnis allerdings eine Verbindung aufbauen zu dem handelnden Teil des Gehirns, um die guten Vorsätze umzusetzen (das heißt einmal vom vorderen linken Gehirnlappen bis in den hinten rechten Teil des Gehirns).

Der Aufbau dieses Dialogs funktioniert allerdings nur dann, wenn das sogenannte kleine Gedächtnis (also das für unsere Intentionen zuständig ist) kleine Impulse und kleine Aufgaben weitergibt. Bei Aufgaben wie „Ich muss erfolgreicher werden“ oder „Ich will Karriere machen“ sagt es einfach „Nein“, verweigert sozusagen das Weiterleiten der Idee, denn es versteht diese schlicht und ergreifend nicht.

Für meine Kollegin stand fest: „Ich will wissen, wie ich meine guten Vorsätze besser einhalten kann.“

Aber gerne doch:

1. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Ich vergleiche das Erreichen eines Ziels gerne mit meinem Hobby, dem Bergsteigen. Würden Sie in einem Rutsch, ohne Pause, vom Tal bis zum Gipfel marschieren? Sehen Sie, ich auch nicht. Stattdessen plane ich Zwischenetappen ein. Das Erreichen der einzelnen Plattformen gibt uns das Gefühl des Erfolges, wir bekommen Gelegenheit, Energie zu tanken und uns selbst zu loben, bevor es weitergeht.

2. Schnappen Sie sich ein großes Blatt Papier und schreiben Sie ganz oben Ihr Langzeitziel auf (zum Beispiel „Ich möchte abnehmen“). Dann teilen Sie dieses Papier in exakt so viele Teile, wie Sie abnehmen möchten (zehn Kilo = zehn Stücke, 1 Kilo im Januar, 1 Kilo im Februar etc.). Jedes Mal, wenn Sie ein Kilo geschafft haben, reißen Sie das Stück des Papiers an. So visualisieren Sie Ihr Ziel, machen es begreifbar und es hilft Ihnen, Ihr Vorhaben auch im Alltagsstress nicht aus den Augen zu verlieren.

3. Definieren Sie im Dialog mit anderen Ihre Ziele. Dieser Austausch mit Gleichgesinnten in einer Gruppe (etwa von Bergsteigern oder Leuten, die aufhören wollen zu rauchen) motiviert und hilft dabei seine Absichten umzusetzen und nicht beim kleinsten Rückschlag fallen zu lassen.

4. Machen Sie sich bewusst, was Sie schon alles geleistet haben. Dieser sogenannte Rückschaueffekt (gerne auch schriftlich) bündelt Ihre Energie, denn der Blick auf alte Erfolge setzt Kräfte frei (und lässt darüber hinaus die Möglichkeit des Scheiterns erträglicher erscheinen).

Autor: Winfried Neun

Bild: Pixabay (CCO)