Digitalisierung: Keine Strategie ist auch eine

p395289 NEUNsight März 2017

Vor allem kleine Unternehmen stoßen an ihre Grenzen in Bezug auf die digitale Revolution. Viele warten noch ab, was die Branchenriesen in der Industrie vorgeben. Die NEUNsight geht der Frage nach, ob die digitale Revolution vom deutschen Mittelstand verschlafen wird.

Die Digitalisierung hat sich in den vergangenen Jahren zu einer, wenn nicht der wichtigsten Aufgabe für Unternehmen entwickelt. Nicht nur global tätige Konzerne müssen es schaffen, die Möglichkeiten der digitalen Welt für sich zu nutzen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollten. Vor allem der Mittelstand, genauer alle Unternehmen aus dem Bereich KMU, sind darauf angewiesen, Vorteile für sich zu nutzen und die Kunden zu erreichen. Studien zeigen jedoch, dass in vielen wichtigen Branchen in Deutschland der Umstieg verschlafen wurde.

Die Erkenntnis, dass die Digitalisierung für Unternehmen aus allen Branchen große Chancen bietet, ist zwar bei Geschäftsführern und Vorständen angekommen. Dennoch beklagen praktisch alle Unternehmen, dass sie bei der digitalen Transformation auf Hürden stoßen, so ein Ergebnis einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom. In einer repräsentativen Umfrage unter 503 Unternehmen aller Branchen gab kein einziges Unternehmen an, dass die Digitalisierung ohne Hemmnisse verlaufe. Sieben Prozent wissen es nicht oder können keine Angaben machen. Die größten Schwierigkeiten gibt es demnach bei Datenschutz und IT-Sicherheit, beim Personal sowie bei internen Abstimmungen. So geben jeweils 4 von 10 Unternehmen an, dass die Anforderungen an den Datenschutz (38 Prozent) sowie die IT-Sicherheit (37 Prozent) die digitale Transformation behindern.

Ernüchternde Ergebnisse

Jeweils 3 von 10 Unternehmen sagen, es fehle an Akzeptanz in der Belegschaft (29 Prozent) sowie geeigneten Fachkräften mit Digitalkompetenz (28 Prozent). Ähnlich häufig werden fehlende Vorgaben aus der Geschäftsleitung (27 Prozent) und langwierige Entscheidungsprozesse (25 Prozent) beklagt, 16 Prozent sehen sich durch eine fehlende Investitionsbereitschaft behindert. „Jedes Unternehmen muss für sich eine Digitalstrategie entwickeln. Wenn erst einmal klare Ziele festgelegt sind, wird die Abstimmung im Unternehmen viel einfacher“, so beispielsweise Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Teil einer Digitalstrategie sollte auch die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern sein. Wer über qualifiziertes Personal verfügt, der kann auch mit Anforderungen durch den Datenschutz und mit dem zentralen Thema IT-Sicherheit deutlich besser umgehen.“

Status bei der Digitalisierung

Ein einheitliches Bild über den Zustand der digitalen Nutzung in Deutschland ist selbstverständlich nicht ganz einfach. Dafür ist das komplexe Thema der Digitalisierung einfach zu umfangreich. Dabei geht es um die Nutzung von modernen Technologien ebenso wie um das Thema E-Commerce oder die interne Verwaltung und Automatisierung. Trauriger Fakt ist aber auch, dass die deutschen Unternehmen aus dem Mittelstand beinahe in allen diesen Bereichen keine gute Figur abgeben. Ein gutes Beispiel findet sich in der Nutzung der Cloud: Große Unternehmen nutzen schon seit langer Zeit die Möglichkeiten der Speicherung in diesen Storage-Lösungen. Anders sieht es bei KMUs aus. Weniger als 50 Prozent  der KMUs nutzen Lösungen in der Cloud – dabei wurden sie besonders für diese Rahmenbedingungen geschaffen. Im internationalen Schnitt nutzen inzwischen mehr als 65 Prozent der Unternehmen diese Lösungen für die Steigerung der Effektivität.

Förderungen werden nicht genutzt

Damit der deutsche Mittelstand sich durchringt, die nötigen Investitionen in seiner Infrastruktur vorzunehmen und die wichtigen Schritte im Bereich der Digitalisierung einzuleiten, werden entsprechende Förderkredite und Fördermittel zur Verfügung gestellt. Diese staatlich geförderten Kredite sind eine gute Möglichkeit, die mitunter hohen Einstiegskosten für die Digitalisierung zu stemmen. Allerdings hat die KfW Research, das Institut hinter der Förderbank, festgestellt, dass diese Mittel nur sehr selten genutzt werden. Gerade bei Unternehmen unter 50 Mitarbeitern wurden in den letzten drei Jahren meist höchstens 10.000 Euro in die digitale Transformation investiert. Bei größeren Mittelständlern wurden immerhin bis zu 100.000 Euro im Schnitt investiert. Das Problem liegt vor allem in der Bereitschaft der zukünftigen Investition: Kaum ein KMU ist jetzt bereit, auch in den folgenden Jahren noch weitere Mittel zu investieren. Die Folgen sind eine unterdurchschnittliche Nutzung der modernen Technologie. Selbst die Grundlagen wie eine eigene Seite im Internet sind unter den Mittelständlern noch keine Selbstverständlichkeit. Dabei stehen die finanziellen Mittel durchaus zur Verfügung.

Bedeutung der Thematik erkannt

Diese Zahlen sind besonders dann seltsam, wenn man sich einmal die Studien zu der Bedeutung des Themas Digitalisierung ansieht. Eine Studie der Deutschen Telekom von Ende 2016 zeigt, dass die Entscheider im Mittelstand mit über 72 Prozent das Thema Digitalisierung als wichtig oder sehr wichtig bewerten. Sie sind sich also der Bedeutung bewusst. Ein wichtiger Punkt könnte dabei das Thema E-Commerce sein. Immer mehr Konsumenten entscheiden sich, sowohl bei der Bestellung von Dienstleistungen als auch bei dem Kauf von Produkten auf die Angebote aus dem Internet zu setzen. Ein Preisvergleich über das Web ist für den Verbraucher erheblich einfacher als alle Handwerker im lokalen Bereich zu kontaktieren. Dieses Beispiel lässt sich auf alle Branchen anwenden – die Digitalisierung ist daher nicht nur mit der Zufriedenheit der Kunden, sondern inzwischen mit den tatsächlichen Umsätzen der KMUs verbunden.

Mittelstand muss überzeugt werden

Der Wille ist im Mittelstand also durchaus vorhanden, was wenigstens eine positive Aussicht auf die Zukunft mit sich bringt. Trotzdem ist es wichtig, dass die Entscheider in den Unternehmen weiterhin von den Vorteilen und der Notwendigkeit einer Digitalisierung überzeugt werden. Es geht dabei nicht alleine um die Umsätze der einzelnen Unternehmen. Mittel- und langfristig wird es dabei auch darum gehen, mit den Unternehmen aus anderen Ländern konkurrenzfähig zu bleiben. Dort hinkt Deutschland in allen wesentlichen Bereichen hinterher.

Autor: Frank Altmann

Bild: CEBIT

Im Überblick

Die digitale Revolution wird im deutschen Mittelstand nicht verschlafen, sondern nicht konsequent umgesetzt. Was häufig fehlt ist eine klare Strategie und die Überzeugung der Führungskräfte und Manager, dass die Digitalisierung Chancen bietet, die jetzt ergriffen werden müssen, um nicht den Anschluss im Wettbewerb zu verlieren.
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