Kirchensteuer: die unterschätzte Steuerart

p395289 NEUNsight Mai 2017

Wie kaum eine andere Steuerart ist die Kirchensteuer eine Art „stille Steuer“, die nicht nur direkt von den Bundesländern im Zuge der Lohn- und Einkommensteuer erhoben wird, sondern nur durch Austritt aus der Kirche für den Einzelnen entfällt. Wer außer den Kirchen selbst, noch von der Steuer profitiert, ist (k)eine Überraschung.

Geschichtlich gesehen ist die verpflichtende Abgabe der Kirchensteuer durch die Finanzämter ein Relikt der Weimarer Verfassung. Also einem Gesetz mit langen Traditionen und einem alten Bündel an Privilegien des damaligen Kirchenrechtes. Es ermöglichte den Kirchen diese Vorzüge in die moderne Welt zu transferieren.

Weniger Mitglieder – mehr Einnahmen

Heute wie früher trägt die Kirchensteuer neben den Beträgen vom Staat und weiteren Subventionen zum Erhalt der Kirchen bei. Einnahmen aus dieser gesetzlichen Steuer sind in den letzten Jahren nicht rückläufig, obwohl wir dies gerade wegen der sinkenden Mitgliederzahlen vermuten möchten. Die röm.-kath. Kirche und die evangelische Kirche nehmen pro Jahr deutlich mehr als fünf Mrd. Euro ein, was hochgerechnet dem durchschnittlichen Jahresbetrag eines vollwertigen zahlenden Mitgliedes von 237 Euro gleichkommt.

Pflicht zur Zahlung

Eine Zahlungspflicht beginnt mit dem achtzehnten Lebensjahr und erlischt erst mit dem Tod des Kirchenmitgliedes. In der Regel ist ein Eintritt in die Kirche an das Ritual der Taufe gebunden und findet in den meisten Fällen im Säuglingsalter statt. Diese rechtliche Absprache der Eltern ist für das Kind bindend, es wird keine Gebühr für diesen Beitritt fällig. Die Steuerpflicht entfällt, wenn ein deutscher Staatsbürger seinen Wohnsitz im Ausland begründet. Bei seiner Rückkehr und aufrechter Konfession, zählt der erste Tag der neuerlichen Begründung des Wohnsitzes, um als steuerpflichtig zu gelten.

Derzeit beträgt der Kirchensteuersatz acht Prozent in Baden-Württemberg und Bayern, im restlichen Deutschland neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer. Der Arbeitgeber behält ihn direkt ein und führt ihn an das zuständige Finanzamt ab. Jeder steuerpflichtige Bürger hat das Recht, bei seiner Steuererklärung die Kirchensteuer als Sonderausgabe abzusetzen.

Gründe für den Austritt

Die Gründe für einen Austritt sind in beiden großen Konfessionen vielschichtig. Eines ist allerdings laut neuester Studien festzustellen. Der Austritt ist meist die letzte Konsequenz eines längeren Prozesses, in dem sich das Kirchmitglied von seiner Kirche physisch und gedanklich entfernt.  So traten 2015 rund 210.000 Protestanten und rund 180.000 Katholiken aus ihren jeweiligen Glaubensgemeinschaften aus. Die Zahlung der Kirchensteuer ist hingegen für die wenigsten Austrittswilligen ein Hauptgrund ihrer Glaubensgemeinschaft den Rücken zu kehren.

Autor: Dr. Michael Reimann

Bild: marcus_hofmann (fotolia.com)

Im Überblick

Die Steuer kommt in erster Linie den jeweiligen Religionen und ihren Gemeinschaften zugute. Die erhobenen Verwaltungskosten der Bundesländer betragen zwei bis viereinhalb Prozent. Abzüglich dieser Anteile finanzieren die Gemeinschaften entsprechende Infrastrukturen wie Schulen, Kindergärten, Personal oder Gemeinschaftshäuser. In manchen Bundesländern erhebt die Kirche eine Kirchengrundsteuer auf land- und forstwirtschaftlichen Grundbesitz in Form eines Zuschlages zu den Messbeträgen auf die staatliche Grundsteuer