Von der Software ausgesiebt!

p395289 NEUNsight April 2018

Hand aufs Herz! Wer will schon seine Bewerbung von einem Computer geprüft wissen, der letztendlich darüber entscheidet, ob Man(n) oder Frau den Job bekommt! Zukunftsmusik? Mitnichten! Längst werden Computerprogramme eingesetzt, die den formalen Rahmen einer Bewerbung prüfen und quasi „eine Vorauswahl treffen“ – vorurteilsfrei und nüchtern – allerdings auch ohne eigene soziale Kompetenz.

Bewerbungen über Online-Formulare oder E-Mail sind heute für die meisten Unternehmen völlig normal. Die Stellensuchenden haben sich daran gewöhnt. Online-Bewerbungen sind eine Erleichterung für Personalabteilungen, sie sparen Zeit, Papier und letzten Endes Geld. Auch standardisierte Testverfahren vereinfachen die Bewerberauswahl. Doch was passiert eigentlich mit all den Bewerbungsbögen, den in Dateien abgelegten Lebensläufen und den anderen gespeicherten Informationen? Rein rechtlich gesehen müssen diese nach Ablauf einer Frist gelöscht werden.

Prüfen, vergleichen, auswerten: Vorteile der Digitalisierung

Automatismen, Programme und computergenerierte Verfahren können Bewerber analysieren, ihre Daten auswerten, vergleichen und nach festgelegten Kriterien prüfen. Insbesondere in großen Unternehmen spart das viel Zeit. Beispiel Lebenslauf: Selbst, wenn sich Stellensuchende häufig an gängigen Bewerbungsratgebern orientieren, können sich ihre Lebensläufe sehr unterscheiden. Manche bevorzugen eine chronologische Darstellung, andere vielleicht eine systematische – dies bedeutet viel Arbeit für Personaler, die daraus die relevanten Datensätze herausfiltern müssen. Das sogenannte CV-Parsing übernimmt diese Arbeit: Hierbei werden Lebensläufe in ein für das Programm lesbares, strukturiertes Format umgewandelt und können nun einfach durchsucht werden.

Computer am Telefon analysiert die Stimme

Es geht sogar noch mehr: Eine Aachener Firma hat bereits vor einigen Jahren eine Software entwickelt, mit der sich Telefoninterviews per Computer führen lassen. Genauer gesagt führt der Computer das Gespräch und analysiert den Bewerber anhand seiner Stimme. Wer gar nicht erst so weit kommt, ist vielleicht bereits beim „Roboter Recruting“ durchgefallen. Tatsächlich kommen dabei keine Roboter zum Einsatz, sondern eine Statistik-Software scannt die Bewerbungsunterlagen nach zuvor festgelegten Kriterien. Der Vorteil: Das Programm ist vorurteilsfrei. Hautfarbe, Geschlecht und auch das Alter sind irrelevant, wenn diese Faktoren nicht als Ausschlusskriterien einprogrammiert wurden.

Sozialkompetenz: Auch in Zukunft wichtig?

Der Einsatz von Technik bei der Auswahl der passenden Bewerber hat natürlich einen hohen praktischen Nutzen: Deutlich sicherer als jeder Mensch kann der Computer den absolut passenden neuen Mitarbeiter finden – sofern er die geforderten Kriterien erfüllt. Bei derartigen Verfahren fallen naturgemäß auch Bewerber durch das Raster, nämlich solche, die beispielsweise nicht die besten Schulnoten aufweisen können, denen eine bestimmte Qualifikation fehlt oder die gewünschte Kenntnisse nicht besitzen. Sie werden bereits vorab aussortiert, denn der Computer kann nicht nachfragen, ob der Bewerber ein bestimmtes Zertifikat nachholen würde oder entscheiden, dass eine bestimmte Note letzten Endes doch nicht relevant ist für die zu besetzende Stelle.

Das kann nur der Mensch. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass in Zukunft Computer oder gar Roboter Vorstellungsgespräche übernehmen oder dass diese gar vollständig entfallen werden, weil die Vorauswahl bereits elektronisch getroffen wurde. Der persönliche Eindruck wird auch in Zukunft ein entscheidendes Kriterium bleiben: Passt der Bewerber zum Unternehmen, zum Team? Das Stichwort Sozialkompetenz wird deshalb weiterhin ein Erfolgsfaktor für Bewerber sein – wenn der sozial passende Bewerber die vom Computer gesteuerte Vorauswahl „überlebt“.

Autorin: Hannelore Brecht

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Im Zuge der Digitalisierung und des globalen Wettbewerbs um die besten Fachkräfte sind Computer eindeutig schneller als Menschen in ihren Entscheidungen. In vielen deutschen Großunternehmen ist der Einsatz von computergestützter Software zur ersten Einschätzung von Bewerbungen bereits an der Tagesordnung.