Resilienzstärkung zahlt sich aus

p395289 NEUNsight April 2018

Im Interview mit der NEUNsight plädiert Christine Zuther vom betrieblichen Gesundheitsmanagement der DAK Gesundheit für verstärkte Anstrengungen der Unternehmen, um ihre Mitarbeiter präventiv vor übergroßer Stressbelastung zu schützen und entsprechende Schutzmechanismen zu erlernen.

NEUNsight:

Im Zuge der Digitalisierung steigt das Arbeits- und Informationstempo. Wie wirkt sich das aus Ihrer Erfahrung auf Arbeitnehmer und Unternehmen aus?

Christine Zuther:

Wir sind ja im Rahmen der Beratung für Betriebliches Gesundheitsmanagement bei Firmenkunden. Und dort wird uns gespiegelt, dass das Phänomen der digitalen Überforderung um sich greift. Die Arbeitswelt wird immer vielschichtiger, die Anforderungen steigen, es ist Schnelligkeit gefragt, rasches Reagieren auf neue Herausforderungen, es ist erforderlich, sich flexibel auf schnelllebige Veränderungen einzustellen.

Das heißt, das Gewohnte, Vertraute, Stabile, Verlässliche existiert für viele Mitarbeiter in Unternehmen gar nicht mehr. Das löst bei vielen Arbeitnehmern Unsicherheit aus. Sie haben oftmals das Gefühl, keinen Einfluss auf diese Veränderungen zu haben, sehen deren Sinn nicht. Sie können die veränderten Arbeitsbedingungen nicht handhaben; ihre Arbeit nicht mehr bewältigen. Der innere und äußere Belastungsdruck steigt. Viele Arbeitnehmer fühlen sich schlichtweg überfordert.

NEUNsight:

Liegen bereits signifikante Ergebnisse zu Krankheitsbildern in diesem Zusammenhang vor?

Christine Zuther:

Ja, eine ständige Überforderung, Dauerbelastung kann in diesem Zusammenhang über Erschöpfung, Desinteresse hin zur Depression, psychischen Erkrankungen führen.

Ständiger Druck, das Gefühl, die Arbeit nicht mehr bewältigen zu können, Überforderung, das Gefühl von Unsicherheit und fehlende Möglichkeiten der Stressbewältigung – das kann zu Erkrankungen führen.

NEUNsight:

Welche Schritte können Unternehmen einleiten, um ihre Mitarbeiter vor Überbelastung gezielt zu schützen?

Christine Zuther:

Hierbei geht es um Stressprävention und um Fragen wie beispielsweise, wie gehe ich mit den überhöhten Anforderungen um, wie kann ich diese gut bewältigen und dabei gesund bleiben? Dazu sollten Arbeitgeber / Unternehmen ihren Mitarbeitern etwas anbieten, deren Ressourcen stärken und ausbauen, die sie widerstandsfähig sein lässt. Im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements sollte zunächst analysiert werden, wo liegen die Belastungsfelder der Mitarbeiter, welche Ursachen für die Symptome der Überforderung gibt es. Und danach zielgerichtet und bedarfsorientiert präventiv Maßnahmen einzusetzen: Für die Mitarbeiter, die Führungskräfte, die ganze Organisation: verhaltensorientiert und verhältnisorientiert. Das können z.B. Themen sein, wie Kommunikation, Stressbewältigung, Teamentwicklung und Führungskräftetrainings. Denn gerade die Führungskräfte sollten bei dem Thema Stressprävention zuerst und verstärkt eingebunden werden. Sie haben Vorbildfunktion, wirken als Multiplikator und haben somit großen Einfluss auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Es geht darum jeden Mitarbeiter, die ganze Organisation fit zu machen für die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt.

NEUNsight:

Wie schätzen Sie den Faktor Resilienzstärkung in diesem Zusammenhang ein?

Christine Zuther:

Die Resilienz von Mitarbeitern, von Unternehmen zu stärken, kann gut in die betriebliche Gesundheitsförderung integriert werden. So gelingt es Unternehmen oder Mitarbeitern in einer Arbeitswelt, die von Dynamik, Ungewissheit und Komplexität gekennzeichnet ist, flexibel am Markt zu bleiben, gesund zu bleiben. Resiliente Menschen sind widerstandsfähiger und im wahrsten Sinne des Wortes „innerlich stark“. Sie nehmen Herausforderungen an und vertrauen darauf, ihr Ziel zu erreichen. Begünstigt wird dies durch Faktoren wie zum Beispiel soziale Unterstützung, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Optimismus, die Fähigkeit, Probleme aktiv anzugehen und dabei Chancen und Möglichkeiten für Lösungen zu sehen. Das Gefühl, selbst Einfluß nehmen zu können, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. All das macht resiliente Menschen aus. Und diese Fähigkeiten zur inneren Widerstandskraft kann jeder Mitarbeiter entwickeln, ausbauen bzw. stärken. Resilienzförderung; damit kann sich jedes Unternehmen stärken.

NEUNsight:

Kann eine verbesserte Stress-Resistenz vor Burn-out schützen?

Christine Zuther:

Ja, denn wer ständig seine Grenzen überschreitet, sich dabei nicht mehr erholen kann, riskiert einen Burn-Out. Resiliente Menschen haben die Fähigkeiten zur inneren Widerstandskraft, sie haben ein Verhalten, dass es gar nicht so weit kommen lässt, dass Stress entsteht; sie sich überfordert fühlen; sie aufgrund von Dauerbelastung „ausbrennen“ bzw. psychisch erkranken.

NEUNsight:

Werden psychische Erkrankungen in Zukunft die häufigste Ursache für Krankschreibung sein?

Christine Zuther:

Eine aktuelle Auswertung der DAK Gesundheit ergab: Psychische Erkrankungen führen, weiterhin häufig zu überdurchschnittlich langen Krankschreibungen von Arbeitnehmern. Danach nehmen sowohl die Anzahl der AU Tage als auch der AU Fälle aufgrund von psychischen Erkrankungen zu. Dabei dominieren Neurotische Belastungsstörungen und Affektive Störungen mit zusammen über 88 Prozent. Anpassungsstörungen und Depressionen haben die höchsten Steigerungsraten im Fehltagevolumen. Der Anstieg der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen in den letzten 20 Jahren hat sich mehr als verdoppelt.

Und Fehlzeiten verursachen im Unternehmen Kosten. Daher lohnt es für jeden Arbeitgeber aus finanziellem Aspekt als auch aus Fürsorge gegenüber seinen Arbeitnehmern, sich um den Erhalt der psychischen Gesundheit zu kümmern, präventiv zu wirken.  Dazu wollen wir mit unserer DAK Veranstaltungs-Reihe „Resilienz für Ihr Unternehmen“ interessierte Arbeitgeber unterstützen.

Interview: Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Psychische Erkrankungen sind seit Jahren die am stärksten steigende Ursache für betriebliche Fehlzeiten. Eine Stärkung der Mitarbeiter gegen Überforderung und die im Zuge der Digitalisierung anwachsende Arbeitsgeschwindigkeit zahlt sich für Unternehmen aus, denn die Fehlzeiten der Mitarbeiter werden gesenkt und die Arbeitszufriedenheit wächst. Vor allem der letztgenannte Grund ist wichtig angesichts des Fachkräftemangels und dem Wettbewerb um gute Mitarbeiter, so eine Studie der Allensbacher K.O.M. GmbH zum Thema Resilienzstärkung. Weitere Informationen unter: info@kom-neun.de.