Die Qual der Wahl!

p395289 NEUNsight Oktober 2019

Die Anzahl an Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen, ist kaum zu glauben! 100.000 Entscheidungen in nur 24 Stunden. So wird die Redensart, „wer die Wahl hat, hat die Qual“, greifbar und verständlich.

Kürzlich stolperte ich bei meiner morgendlichen Zeitungslektüre über eine Zahl, die mir wieder einmal vor Augen führte, welche unglaubliche Leistung wir Menschen erbringen: In dem Artikel ging es um die Anzahl an Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen. Lassen Sie sich mal auf ein kleines Ratespiel ein. Was denken Sie, sind es 50? Sind es 1.000? Sind es 100.000?

Die letzte Antwort ist richtig. Na, haben Sie darauf getippt?

Tatsächlich wirkt diese Zahl im ersten Moment geradezu unglaublich. Um sie zu begreifen, hilft es sich vor Augen zu führen, über was wir tagtäglich – meist unbemerkt – nachdenken:

Das beginnt bei der eigentlich recht simplen Frage, welches Duschgel wir in der Drogerie kaufen möchten, geht weiter über die Entscheidung, welche Schuhe wir zur Arbeit anziehen und die Abwägung, ob wir der Schwiegermutter zum Geburtstag lieber einen Blumenstrauß oder ein Buch schenken, und endet bei der schwerwiegenden Wahl nach der passenden Schule für unsere Kinder oder der zukunftsweisenden Entscheidung für oder gegen einen beruflichen Neuanfang.

Angesichts all dieser Möglichkeiten bekommt der Spruch „Wir haben die Qual der Wahl“ eine ganz neue Bedeutung. Tatsächlich ist es so, dass jemand, der zu viele Auswahlmöglichkeiten hat, durchaus Höllenqualen durchleben kann, denn ein Übermaß macht uns Angst, eine solche Situation verwirrt und verschreckt uns. Die Konsequenz: Wir vermeiden diese Situation und suchen oft das Einfache, das klar Verständliche.

Ich will versuchen, dieses Phänomen anhand eines Alltagsbeispiels zu erklären: Angenommen, Sie befinden sich im Supermarkt und stehen in der Abteilung mit den Süßigkeiten. Sie wollen eine Schokolade, aber welche der fünfzig Sorten, die in dem zwei Meter langen Regal aufgereiht sind, sollen Sie nehmen? Sie überlegen hin und her, drehen noch eine Runde – und dann? Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass unser Gehirn in einer solchen Situation so in Bedrängnis gerät, dass es nur eine Lösung kennt: Es geht in Streik und wählt den einfachen Weg.

Das bedeutet: Sie nehmen die Schokolade, die Sie aus der Werbung kennen, ohne sich beispielsweise ausführlich durchzulesen, welche Inhaltsstoffe sie hat, auch wenn Sie wissen, dass eine andere Sorte Ihnen sicherlich besser schmecken würde. Sie verzichten also auf wichtige Informationen. Warum? Weil Sie schlicht überfordert waren und impulsartig auf das zurückgegriffen haben, was Sie schon einmal irgendwo gesehen haben und das Ihnen empfohlen wurde (und sei es auch nur in einem TV-Spot).

Kann man es besser machen? Ja, aber es geht nicht von heute auf morgen. Selbst ich, der sich ständig mit dem Thema Entscheidungsfindung beschäftigt, tappe oft in die Falle, vor allem dann, wenn ich im Internet unterwegs bin. Erst neulich ging es mir wieder so: Auf der Suche nach Informationen für einen Fachbeitrag klickte ich mich von Artikel zu Artikel, ich las Expertenmeinungen auf gefühlt 1.000 verschiedenen Seiten. Nach drei Stunden war ich vor allem eines: sehr verwirrt, verunsichert und überfordert. Vor lauter Frust tat ich intuitiv das einzig Richtige und schaltete den Rechner aus. Ich ließ das Thema einen Tag lang ruhen und schrieb mir dann auf, wonach ich eigentlich genau suchte. Darauf fokussierte ich mich bei meiner weiteren Recherche – sobald ich merkte, dass ich von meinem roten Faden abwich, klappte ich den Computer für ein halbes Stündchen wieder zu, um dann die Arbeit wieder aufzunehmen.

Was ein Erfolgsrezept in beruflichen Dingen ist, können Sie auch problemlos im Alltag anwenden: Ob es um das Buchen des nächsten Urlaubs oder die Auswahl eines Geschenks für das Patenkind geht. Diese drei Tipps werden helfen:

 1. Gehen Sie auf Abstand: Schalten Sie einfach den Computer ab, legen Sie die Unterlagen weg, gehen sie am Regal im Supermarkt vorbei, kurz: Drücken Sie den Reset-Knopf. Machen Sie eine Pause, trinken Sie einen Kaffee und schauen Sie aus dem Fenster. Das Gehirn muss sich runterfahren, um ins Gleichgewicht zu kommen und das Gefühl der permanenten Überflutung zu verhindern. Nur so können Sie eine gute Entscheidung treffen.

2. Formulieren Sie ein klares Ziel: Wenn Sie zurückkehren zu Ihrer Aufgabe, fokussieren Sie Ihre Wahrnehmung. Überlegen Sie: Welches ist der wichtigste Punkt, der ansteht? Die Lösung welches Problems hilft Ihnen selbst/Ihren Kollegen/Ihren Kunden/Ihrem Gegenüber in diesem Moment am meisten? Erstellen Sie anschließend eine Liste, an deren Abarbeitung Sie sich auch konsequent halten.

3. Verzetteln Sie sich nicht: Manchmal sehen wir vor lauter Wald die Bäume nicht. Halten Sie inne und versuchen Sie die Gesamtsituation im Überblick zu erfassen. Gehen Sie gedanklich einen Schritt zurück und überlegen: Muss ich eigentlich alle diese Aufgaben machen? Sind sie überhaupt notwendig oder habe ich mir da etwas aufgehalst, was eigentlich in diesem Moment nicht wichtig ist?

Autor: Winfried Neun

Bild: Pixabay (CCO)