Social Media: Ist die Realität überhaupt noch zu retten?

p395289 NEUNsight Februar 2020

Sie sind immer online, geben alles was sie erleben direkt per Post in die Social Media Plattformen und bauen sich eine eigene virtuelle (Schein-)Welt auf: die sogenannten  „online-Junkies“. Spielt die Realität bald keine Rolle mehr?

Jede Bewegung der letzten Geschäftsreise ist über Facebook nachzuvollziehen, auf Instagram zeigen Bilder, wie im Urlaub an den schönsten Orten der Welt das Laptop und somit die Arbeit natürlich mit am Pool ist und bei Snapchat kann jeder mit dabei sein, wenn es zum Kite-Surfen, Segeln oder vielleicht auch Shoppen geht. Gezeigt wird meist die Schokoladenseite und wir zeigen uns so wie wir gern gesehen werden wollen – aber nicht sind.

Ein Posting bei Facebook, Twitter oder Instagram ist längst nicht mehr nur ein Posting: Es sagt etwas darüber aus, wer man ist, wie man ist und wann nan ist. Forscher nehmen immer wieder unter die Lupe, was Menschen so ins Netz stellen und kommen zu interessanten psychologischen Ergebnissen – zum Beispiel, dass Menschen, die sich selbst als „einsam“ beschreiben, viel privatere Details im Netz teilen, als Menschen, die sich sozial aufgehoben fühlen.

Nutzerzahlen in Milliardenhöhe

Und die Bedeutung der Social Media Kanäle nimmt von Tag zu Tag zu. Im Ranking der größten Social Networks und Messenger weltweit nach der Anzahl der monatlich aktiven Nutzer (MAU) liegt Facebook derzeit auf dem ersten Rang mit 2,4 Milliarden Nutzern. YouTube verzeichnet 2 Milliarden Nutzer im Monat und der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp folgt mit 1,6 Milliarden Nutzern auf dem driten Platz.

Auch wenn es auf reinen Business-Portalen wie XING oder auch LinkedIn beschaulicher zugeht, doch auch dort reicht das Teilen von Links zu Websites und Artikel aus, um ein Statement abzugeben. Diese schöne neue Social Media Welt – sie ermöglicht es uns, jeden an unserem Leben teilhaben zu lassen, alle Facetten unserer Persönlichkeiten zu zeigen und so offen wie nie zuvor zu sein. Doch immer weniger Menschen zeigen ihr wirkliches Ich über diese Kanäle. Sie zeigen vielmehr die Person, die sie sein möchten. Die Person, die erfolgreich ist, immer fleißig und auf dem Laufenden und natürlich auch noch Zeit für hippe Aktivitäten hat. Shopping in Designer-Läden unterstreicht das Image, das im Laufe der Zeit aufgebaut wurde. Hinter all diesen Profilen und Postings steckt allerdings ein Mensch, der (unbewusst) dem Ideal nacheifert, das er selbst geschaffen hat.

Social Media Profile sind die Schokoladenseite

Bei bekannten Persönlichkeiten und den sogenannten Influencern ist es besonders gut zu sehen.  Ihre Social Media-Einträge sprechen eine sehr eindeutige Sprache, zeigen ein Leben auf der Überholspur. Sieht man ihre Bilder, Texte und Videos, festigt sich der Eindruck, ihr Leben ist voller Spaß, Glamour und Erfolgserlebnissen. Sie wachen schon perfekt gestylt auf, trinken natürlich nur leckere Smoothies zum Frühstück, treffen sich mittags auf einen Salat, bevor die Shopping-Tour beginnt und abends die Party in einer angesagten Location stattfindet.

Gezeigt wird nur, was positiv ist – und ist nichts Positives greifbar, wird es inszeniert. Kein Geld für die neue Aktentasche von Prada? Egal, einmal im Geschäft damit fotografiert und schon denken alle Follower auf Instagram, sie wäre gerade gekauft. Gezeigt wird nur die Schokoladenseite – auch wenn es sie gar nicht gibt und jeder, der die Social Media Profile verfolgt, macht sich aufgrund der Postings sein Bild. Dass dieses Bild von der Realität abweicht, ist eigentlich jedem klar. Aber der Wunsch danach, selbst erfolgreich und ein Stück weit glamourös zu sein, lässt doch ein wenig Neid aufkommen und schlussendlich wird nur zu gern geglaubt, was gezeigt wurde.

Unternehmen in der modernen Selbstdarstellung

Neigen wir Menschen nur dann zur Übertreibung oder einseitigen Gestaltung unserer Social Media Profile, wenn es um unsere eigene Person geht? Nein, diese Eigenschaft tritt auch dann auf, wenn ein Unternehmen öffentlich auftritt. In Zeiten, in denen Storytelling zu den hilfreichsten Mitteln im Marketing zählt, werden mit Freude Geschichten aufgebaut und gezeigt, die hier und da doch erheblich von der Realität abweichen.

Auf Instagram präsentiert sich das Unternehmen dann beispielsweise als äußerst „grüne“ Marke und zeigt den Einsatz im Umweltschutz und auch die Obstschale, die für Mitarbeiter in der Kantine steht, wird gezeigt. Auf Facebook setzt dann dasselbe Unternehmen auf Innovation und erzählt, wie der Chefingenieur beim Wanderurlaub auf dem Berggipfel die Erkenntnis hatte, die das Produkt und somit die Welt maßgeblich verändert.

Fotos sind positiv, Text ist negativ

Psychologisch interessant ist: Instagram ist wegen der Foto-Funktion voller positiver Posts. Wollen wir etwas Negatives loswerden, instagrammen wir nicht, sondern beschweren uns auf Twitter. Das ergab eine Studie des amerikanischen Unternehmens Chute. Demnach sind Instagrams mit Bildern viermal so häufig positiver Natur, wie reine Textnachrichten. Wenn User nur einen Text posten, sind sie dabei überwiegend negativ. Bestes Beispiel dafür ist der amerikanische Präsident.

Bei all den schönen Geschichten steht vor allem eins im Vordergrund: Sie sollen ein gewisses Bild entstehen lassen, dass das Unternehmen zeigt, wie man es sich wünscht. Nimmt man eine Marke als umweltbewusst, innovativ und anderes wahr, verkaufen sich die Produkte gleich nochmal so gut. Dass auf der anderen Seite vielleicht Stellen abgebaut werden, die Produktion in Asien unter grenzwertigen Bedingungen stattfindet oder die groß angekündigte Innovation im Endeffekt nur alter Wein in neuen Schläuchen ist, wird nicht erwähnt.

Was ist noch real?

Bei all dem, was gezeigt wird, taucht schnell die Frage auf: Was ist eigentlich noch real? Beantworten lässt sich das allerdings nicht so einfach, denn Menschen genau wie Unternehmen zeigen sich schon so lange und intensiv in der selbst inszenierten Welt, dass es ihnen teilweise schon schwer fällt, selbst noch die Realität zu tun. Oder aber sie leiden unter dem selbst gemachten Druck, können diese Fassade nicht ewig aufrecht erhalten. Auf der anderen Seite sind da jene, die nur konsumieren und immer mehr das Gefühl bekommen, nicht genug zu sein. Im Vergleich mit dem, was sie da sehen, ist das eigene Leben, der eigene Job, schon beinahe belanglos und was eigentlich schön und ein Grund zur Dankbarkeit ist, verliert an Bedeutung. 

Autor: Nick Bartels / Michael Storks

Bild: Pixabay (CCO)

Im Überblick

Schon heute spielt in Social Media Plattformen die Realität eine nur noch untergeordnete Rolle. Längst sind die Profile Abbilder eigener Wunschvorstellungen, wie man virtuell wirken will. Eine virtuelle Projektion der eigenen Wünsche kann aber auch zu negativen Auswirkungen führen. Minderwertigkeitskomplexe, wenn die eigene Welt nicht mit der „Traumwelt“ des Internets mehr zusammenzubringen ist. Und: wenn die Social Media Kontakte überhand nehmen, leidet die soziale Kompetenz des Einzelnen bis hin zur völligen Aufgabe des realen Lebens zugunsten des virtuellen Daseins.