Gründen in Krisenzeiten

p395289 NEUNsight November 2020

Wir leben in unruhigen Zeiten: Die Wahl in den USA, terroristische Anschläge und ein noch immer ungebändigtes Coronavirus. Zahlreiche Unternehmen kämpfen um ihre Existenz. Sich in diesen Zeiten selbstständig zu machen, ist für viele unvorstellbar. Jede Krise ist aber gleichzeitig eine Chance. Fünf Thesen, die für die Gründung eines Unternehmens gerade in Krisenzeiten sprechen.

  1. Krisen ergeben neue Märkte und Nischen

Jede Krise hat eine Ursache, die nicht immer unmittelbar erkennbar ist. Wenn die Ursache aber lokalisiert ist, ergeben sich daraus neue Märkte und neue Ansätze für junge Unternehmen. Die aktuelle Coronakrise ist hierfür das beste Beispiel.

In dieser Krise hat man erkannt, dass das deutsche Gesundheitswesen viel zu wenig digitalisiert und damit auch teilweise zu wenig modernisiert worden ist. Bei einem digitalen Zusammenschluss der Krankenhäuser wäre eine optimierte Nutzung der Intensivbetten möglich. Hier ergibt sich für junge Unternehmen, die sich der Digitalisierung im Gesundheitswesen verschrieben haben, eine große Chance.

Erst durch die Krise selbst zeigte sich das Defizit, unter dem das Informationsmanagement in den Krankenhäusern leidet. Wer diese Nische erkannt hat, kann durch intelligente, digitale Lösungen zur Verbesserung des Gesundheitswesens beitragen und ein erfolgreiches Unternehmen gründen.

Zusätzlich offenbarte die Coronakrise, dass die in der Old Economy gepredigte Globalisierung zu einem Risikofaktor für die gesamte Volkswirtschaft geworden ist. Es braucht daher neue, intelligente und vor allem einfache Lösungen in der Logistik, aber auch in der Beschaffung von Waren und Materialien. Neueste digitale Plattformen, gegründet von jungen Unternehmen, ermöglichen ein eher regionales Ressourcing und schaffen somit für die Volkswirtschaft ein krisenbeständigeres Beschaffungsmanagement.

Aber auch andere Krisen eröffnen neue Märkte und Nischen. So zum Beispiel auch die Finanzkrise 2008/2009. Dort zeigte sich, dass die Finanzmärkte in vielen Bereichen intransparent und von der Realwirtschaft abgekoppelt waren. Diese Realisierung bot Dienstleistern im Finanzsektor die Chance Unternehmen zu gründen, die gerade diese Transparenz und Integration der Realwirtschaft in die Finanzwirtschaft, und umgekehrt, besser ermöglichen. Auch in diesem Fall hat die Krise eine Schwachstelle offenbart, die Unternehmensneugründungen Platz und Gelegenheit bot.

Es stellt sich somit für jeden ambitionierten Jungunternehmer die Frage, welche Märkte und Nischen sich durch die aktuelle Krise erkennen lassen und welchen Mehrwert das eigene Unternehmen bieten kann, um den Markt zu gewinnen.

  1. Krisen ermöglichen Prototyping

Im Zeitalter der Digitalisierung ist das Prototyping ein zentraler Aspekt für die Entwicklung von Produkten geworden. Diese Vorgehensweise, Produkte nicht vollständig zu entwickeln, sondern quasi halbfertige Produkte über den Markt auszutesten, ist eine grundsätzlich neue Vorgehensweise. In der Old Economy war es wichtig, neue Produkte eine Vielzahl von Produkttests und Testanwendungen durchlaufen zu lassen, ehe sie auf dem Markt platziert werden. Diese Testschlaufen kosteten verständlicherweise sehr viel Zeit und verlangsamten somit den Markteintritt neuer Unternehmen. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung ist Geschwindigkeit jedoch häufig ein entscheidender Erfolgsfaktor – Prototyping bietet sich daher an. Um ein solches Vorgehen erfolgreich zu gestalten, müssen jedoch einige Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Die Verantwortlichen müssen den Mut haben, schnelle Entscheidungen zu treffen und diese dann konsequent umzusetzen.
  • Die Unternehmen, in denen das Prototyping realisiert werden soll, müssen eine hohe Agilität aufweisen.
  • Die Produktanforderungen müssen im Dialog mit den zukünftigen Anwendern weiterentwickelt werden.
  • Die Unternehmen müssen eine intelligente Fehlerkultur entwickeln.

Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, dass Unternehmen schnell auf die neue Situation reagieren. Eine schnelle Reaktion bedarf intelligenter Lösungen von jungen Unternehmen, die als New Economy nicht dem zwanghaften Optimierungswahn von neuen Produkten unterliegen. Neue Unternehmen können sich also daraus gründen, dass sie das gewünschte Prototyping für die Old Economy übernehmen. Erkennbar ist diese Entwicklung schon allein dadurch, dass sich viele etablierte Unternehmen Startups suchen, die für sie neue Lösungen, meist digitaler Art, entwickeln. Die Bereitschaft Produkte, die noch nicht zu 100% ausgereift sind auf den Markt zu bringen, spielte dabei eine zentrale Rolle.

  1. Krisen setzen Ressourcen frei

Krisen machen sich früher oder später immer auch auf dem Beschaffungsmarkt erkennbar. Unabhängig davon, ob es sich um die Beschaffung von Materialien oder Fachkräften geht, eröffnen Krisen hier neue Chancen für Unternehmensgründungen.

Wenn Mitarbeiter von etablierten Unternehmen freigesetzt werden, weil diese keine erfolgreichen Bewältigungsstrategien für die Krisensituation des Unternehmens entwickeln konnten, bietet das Jungunternehmen die Möglichkeit, sich Fachkräfte mit viel Erfahrung und Durchsetzungsvermögen zu sichern. In krisenfreien Zeiten wären solche Fachkräfte für junge Unternehmen entweder nicht erschwinglich oder nicht greifbar gewesen. Darüber hinaus überlegen sich viele freigesetzte Fachkräfte, ob sie sich aktiv an der Gründung eines eigenen Unternehmens beteiligen wollen. Somit können intelligente Partnerschaften gegründet werden, die die verschiedensten Fachkompetenzen vereinen. Und so bietet sich auch eine große Chance für junge Unternehmen, schnell und gezielt zu wachsen.

  1. Krisen machen Veränderungen leichter

Krisen machen vielen Unternehmen deutlich, dass sie ihr Businessmodell und damit ihre altbewährten Strategien überdenken müssen, um weiterhin so erfolgreich sein zu können, wie sie es gewohnt waren. Veränderungsbereitschaft und Veränderung sind somit nicht mehr optional. Studien aus den USA und aus Europa belegen, dass die Veränderungsbereitschaft sowohl der Führungskräfte als auch der Belegschaft in Unternehmen mit der Dauer von Krisen exponentiell ansteigt.

Meist beziehen sich die Veränderungsnotwendigkeiten der Unternehmen auf die Restrukturierung von Prozessen, Leistungserbringungsketten und internationalen Kooperationen. Diesen Veränderungsdruck und die Veränderungsbereitschaft bietet jungen Unternehmen die Chance, Teile von Prozessen oder Teile von Kooperationen zu übernehmen und sich so zu etablieren.

  1. Krisen helfen bei der Gewinnung von Investoren

Die Krise schafft den Nährboden für Anlegerunzufriedenheit und die damit verbundene Sehnsucht nach höheren Renditen. In Krisenzeiten suchen viele Investoren einen sicheren Hafen, um ihr Kapital gewinnbringend anlegen zu können. Viele verlassen sich dabei auf Gold, Edelmetalle oder Anleihen. Diese Investitionsgüter erbringen aber nur geringe Renditen. Aus diesem Grund suchen Investoren gerade in Krisenzeiten nach neu gegründeten Unternehmen, die spezielle Lösungen für erkannte Probleme anbieten, die bis dato im Markt nicht zu finden waren. Newcomern bietet das die Chance, über eine intelligente Darstellung ihrer Wachstumsstrategien, die suchenden Investoren zu überzeugen. Wer eine gewinnbringende Wachstumsstrategie über sein Businessmodell transparent, ehrlich und glaubwürdig darstellen kann, wird zum besten Freund der Investoren. Dazu sollten aber nachfolgende Aspekte von Seiten der neu gegründeten Unternehmen berücksichtigt werden:

  • Das Unternehmen muss den Kunden im Markt einen signifikanten Mehrwert bieten und das den Investoren vermitteln können.
  • Das Unternehmen sollte eine intelligente Wachstumsstrategie aufweisen.
  • Das Unternehmen sollte nicht nur das Produkt oder die Dienstleistung im Fokus haben, sondern auch unterstützende und fördernde Angebote.
  • Das Unternehmen sollte sich in über Pilotprojekte profilieren oder auf wissenschaftlich fundierte Forschungsergebnisse stützen können, um Investoren zu überzeugen.

Die Krise als Chance sehen und nutzen

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass Krisenzeiten natürlich immer auch schwierige Zeiten sind, insbesondere für die Unternehmen, die einen Innovations- bzw. Investitionsstau vor sich hergeschoben haben. Dieses strategische Fehlverhalten wird in Krisen hart bestraft. Aber gerade dort ergeben sich dann die aufgeführten Chancen für die Gründung von neuen Unternehmen und damit die Sicherung des deutschen Wirtschaftswachstums. Um die Krise als Chance für eine Unternehmensgründung zu sehen, braucht es einen Perspektivwechsel – und die nötige Portion Mut.

 

Autor: Winfried Neun (Wirtschaftsjournalist/Chefredakteur)