Im Gespräch mit der NEUNsight blicken Winfried Neun, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der K.O.M. GROUP®, und sein langjähriger Beirat Dr. Reinhard Volk, ehemals Finanzvorstand bei Duravit, auf die Anfänge und Entwicklung des Unternehmens zurück. Sie sprechen über die Rolle und Verantwortung von Beratern, über die Chancen und Fallstricke von Transformationen sowie über die Bedeutung unternehmerischer Verantwortung. Und sie geben Einblicke, wie Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich bestehen können.
NEUNsight: Herr Neun, Sie haben vor 35 Jahren die K.O.M. GROUP® gegründet, mit der Sie nach wie vor erfolgreich sind. Was hat Sie in den ersten Jahren am meisten überrascht – was Sie so nicht erwartet hatten?
Winfried Neun: Ehrlich gesagt, wie wenig Bewusstsein es in der Wirtschaft damals für die wirtschaftspsychologischen Aspekte von Transformationen gab. Aber genauso überrascht hat mich, wie schnell sich das geändert hat: Sobald wir in Gesprächen in die Tiefe gingen, wurde das Interesse riesig.
NEUNsight: Gab es jemals Momente, in denen Sie an der Entscheidung, Unternehmer zu werden, gezweifelt haben?
Winfried Neun: Ja, natürlich. Besonders dann, als die K.O.M. wuchs und plötzlich Verwaltung, Führung und Finanzfragen immer mehr Raum einnahmen. Da blieb manchmal kaum noch Zeit für das, was ich eigentlich wollte: Menschen und Unternehmen helfen, ihre Probleme zu lösen und konsequent zu beseitigen.
Reinhard Volk: Da zeigt sich eben auch die Kehrseite von Wachstum. Es bringt Strukturen und Pflichten mit, die einen von der ursprünglichen Leidenschaft ablenken können.
NEUNsight: Was bedeutet für Sie unternehmerisch sein?
Winfried Neun: Für mich heißt Unternehmertum: Lösungen schaffen. Kreativ, effizient, innovativ. Und diese dann auch gemeinsam mit den Kunden umsetzen. Dazu gehört aber auch, Verantwortung zu übernehmen: Für die Mitarbeitenden, für Arbeitsplätze und für die Region. Deshalb haben wir als K.O.M. auch immer wieder regionale Vereine und Organisationen unterstützt.
NEUNsight: Wo liegt für Sie die Grenze zwischen gesundem Ehrgeiz und gefährlichem Übermut?
Winfried Neun: Das ist eine ganz schmale Linie. Anfangs ist man vielleicht geneigt, Risiken zu unterschätzen. Mit der Zeit entwickelt man ein besseres Gespür dafür. Grundsätzlich halte ich mich als Unternehmer an das klassische Prinzip der kaufmännischen Vorsicht.
Reinhard Volk: Und trotzdem erwischt es einen manchmal.
Winfried Neun: Oh ja. Es gab eine Phase, in der der Auftragseingang wahnsinnig hoch war und ich schnell viele neue Mitarbeitende eingestellt habe. Dieser Ehrgeiz des Wachstums führte dann dazu, dass die Personalkosten wesentlich schneller anstiegen als die Umsätze. Das war ein schmerzhafter Lernprozess. Da half nur: konsolidieren und ein neues Modell entwickeln. Für uns hieß das damals: Freelancer gewinnen, damit wir flexibel bleiben und trotzdem alle Projekte stemmen können.
NEUNsight: Wie definieren Sie „Transformation“ heute? Hat sich Ihre Sichtweise in den letzten 35 Jahren verändert?
Winfried Neun: Absolut. Transformation ist heute viel mehr als klassisches Change-Management. Es geht nicht nur um Strukturen oder Prozesse, sondern vor allem um kulturelle Veränderung. Der Kern jeder erfolgreichen Transformation ist die Haltung von Führungskräften und Mitarbeitenden. Und inzwischen gehört auch der Einsatz von KI in Transformationsprojekten dazu. Die eröffnet völlig neue Möglichkeiten, sorgt aber natürlich auch für Bedenken und Sorgen bei den Menschen.
Reinhard Volk: Genau da sehe ich auch die Verantwortung, den Menschen die Chancen verständlich zu machen, ohne ihre Sorgen kleinzureden.
NEUNsight: Welche typischen Fallstricke erleben Sie bei Strategieprojekten?
Winfried Neun: Viele unterschätzen, wie stark Menschen am Bestehenden festhalten. Dieser „Das haben wir schon immer so gemacht“-Gedanke kann ganze Projekte blockieren. Unsere Aufgabe ist es dann, diesen Widerstand aufzulösen und zu zeigen, warum eine neue Strategie auch in ihrem persönlichen Interesse liegt.
NEUNsight: Herr Neun, wie prägt Ihr wirtschaftspsychologischer Hintergrund Ihre Arbeit?
Winfried Neun: Er ist der Schlüssel. Strategien funktionieren nur, wenn die Menschen im Unternehmen sie tragen. Psychologische Gesprächsführung, Mediation, das Verstehen von Widerständen – all das macht den Unterschied zwischen einem Papierkonzept und echter Umsetzung.
NEUNsight: Welche psychologischen Faktoren, z.B. etwa Kultur, Widerstand, Führung, entscheiden über Erfolg oder Misserfolg in der Transformation?
Winfried Neun: Resilienz. Wenn Führungskräfte und Teams die innere Widerstandskraft entwickeln, Veränderungen anzunehmen, dann kann Transformation gelingen. Widerstände sind normal. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
NEUNsight: Herr Dr. Volk, Sie haben langjährige Erfahrung in der Wirtschaft und sind Beirat von Winfried Neun bei der K.O.M. GROUP®. Welche Verantwortung haben Unternehmen und Unternehmer:innen aus Ihrer Sicht?
Reinhard Volk: Die gesellschaftliche Verantwortung geht weit über die reine Gewinnerzielung hinaus. Wirtschaftlich ist es die Förderung von Wettbewerbsfähigkeit und Innovation, die Sicherung von Arbeitsplätzen, die Stärkung der Unternehmensresilienz und der Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Dazu gehören auch die Zahlung von Steuern, Sozialabgaben und ggf. die betriebliche Altersvorsorge. Die soziale und ethische Verantwortung schließt faire Vergütung, Entwicklungsmöglichkeiten und Ausbildungsplätze mit ein, aber auch Faktoren wie ein respektvoller Umgang, Ehrlichkeit statt bloßer Harmoniesignale gehören dazu, wie auch sichere Produkte und konsequenter Verbraucherschutz. Wo möglich auch die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die gezielte Suche und Einstellung von Talenten. Ökologische Verantwortung bedeutet die ressourcenschonende, energieeffiziente Produktion sowie die Einhaltung der Umweltgesetze.
Winfried Neun: Das deckt sich hundertprozentig mit meiner Sicht.
NEUNsight: Wie gelingt es Ihnen, Nachhaltigkeit und Ethik in Beratungsprojekte einzubringen, auch wenn der Kunde sie vielleicht nicht explizit verlangt?
Reinhard Volk: Das beginnt bei den Projektzielen: Bedürfnisse von Mitarbeitenden, von Kunden, Gesellschaftern und Umwelt sollten systematisch berücksichtigt werden. Zielkonflikte wie Effizienz, Geschwindigkeit, Wettbewerbsvorteile, energieeffiziente Prozesse, recycelbare Materialien, lokaler Einkauf müssen auf den Tisch und ausdiskutiert werden. Keine Scheinlösungen mitschleppen. Entsprechende KPIs sind im Projekt zu verankern.
NEUNsight: Gab es je Projekte, die Sie abgelehnt haben, weil Werte und Haltung nicht gepasst haben?
Reinhard Volk: Ja. In einem Fall hatte ich ethische Bedenken und den Verdacht, dass es sich um eine möglicherweise illegale Form der Steuervermeidung handeln könnte. In einem anderen Fall waren die Projektziele offensichtlich unrealistisch und nicht verhandelbar.
NEUNsight: Was war die wichtigste Erkenntnis aus einem gescheiterten Projekt?
Reinhard Volk: Erwartungsmanagement ist entscheidend. Ziele, Zeitpläne und Ressourcen müssen ambitioniert, aber realistisch sein. Das Management ist kontinuierlich einzubeziehen, auch wenn dies unangenehme Wahrheiten bedeutet.
NEUNsight: Wie gehen Sie mit Konflikten mit Kunden um, z. B. wenn Ihre Empfehlungen auf massiven Widerstand stoßen?
Reinhard Volk: Zunächst analysiere ich die Konfliktursache: Handelt es sich um Interessen-, Beziehungs-, Werte-, Struktur-, oder Sachkonflikte? Oder eine Mischung daraus? Diese werden transparent gemacht, um anschließend gemeinsam tragfähige Lösungen oder Kompromisse zu entwickeln. Bei Bedarf wird das Top-Management einbezogen.
Winfried Neun: Da ergänzen wir uns sehr gut. Oft liegt die Ursache tiefer, als es auf den ersten Blick scheint.
NEUNsight: Wo sehen Sie die Verantwortung von Beratern, wenn Transformationen misslingen?
Reinhard Volk: Das ist ein komplexes Thema, das von der Vertragsgestaltung, den vereinbarten Leistungen, der unternehmensinternen Mitwirkung von Ressourcen und anderen Faktoren abhängt. Wichtig ist der Grad der Einflussnahme: Ist der Berater seiner fachlichen und ethischen Einflussnahme gerecht geworden? Hat er rechtzeitig und unabhängig auf mögliche Risiken und Fehlentwicklungen hingewiesen?
NEUNSIGHT: Sind Strategieberater nicht manchmal auch Teil des Problems, weil Sie Veränderungsdruck erzeugen, ohne ihn selbst auszuhalten oder Veränderungen selbst umzusetzen zu müssen?
Winfried Neun: Das mag in Einzelfällen so sein. Der Veränderungsdruck entsteht jedoch nicht durch die Beraterinnen oder Berater, sondern besteht unabhängig davon, wer den Auftrag erhält.
Unser Verständnis von Beratung geht über die Erstellung reiner Konzeptpapiere hinaus: Wir legen Wert darauf, Unternehmen auch in der konkreten Umsetzung zu begleiten. Bei der K.O.M. entwickeln wir daher nicht nur strategische Konzepte, sondern ebenso detaillierte Pläne für deren Umsetzung. So haben unsere Auftraggeber stets die Wahl: Sie können das erarbeitete Konzept eigenständig realisieren – auch auf das Risiko hin, dass dies nicht zum gewünschten Ergebnis führt – oder sich von uns aktiv bei der Umsetzung unterstützen lassen.
Nicht selten werden Beratende auch deshalb engagiert, um im Falle eines Misserfolgs eine Verantwortliche oder einen Verantwortlichen benennen zu können. In solchen Fällen besteht seitens des Auftraggebers oft kein echtes Interesse an einer erfolgreichen Umsetzung. Das gilt es frühzeitig bei der Besprechung der Projektziele zu hinterfragen: Geht es um Veränderung oder nur um Symbolpolitik?
NEUNsight: Welche Herausforderungen sehen Sie heute für Unternehmen als die größten?
Reinhard Volk: Agilität, Resilienz und Zuversicht. Agilität im Sinne von zügigen, aber durchdachten Entscheidungen, einem hohen Fokus auf Innovation und Internationalisierung und der steten Suche nach guten, entwicklungsfähigen Arbeitskräften. Resilienz der Strategie und des Geschäftsmodells und damit mittel- und langfristig auch der Belegschaft. Das schafft Stabilität auch in herausfordernden Zeiten. Und Zuversicht: Weder von Wirtschafts- noch von Kulturpessimisten allzu sehr beeindrucken lassen. Erfolge und ein gutes Miteinander machen ebenfalls resilient.
Winfried Neun: Dazu gehört auch, dass viele Unternehmen zu wenig in die Führungskräfteentwicklung investieren, weil sie es als „nice to have“ sehen. Dabei braucht es nicht nur Führungskräfte, sondern Führungsmenschen: Coaches, die ihre Teams ganzheitlich begleiten und so die Potenziale heben, die heute noch brachliegen. Damit ist Führung ein wesentlicher wirtschaftlicher „hard fact“.
Reinhard Volk: Dem kann ich mich nur anschließen. Unternehmen unterschätzen häufig die Bedeutung von Vertrauen, Fehlerkultur und die Glaubwürdigkeit gelebter Unternehmenswerte. Top-down-Führung funktioniert nicht mehr. Adaptive Führung, basierend auf verlässlichen Werten und angepasst an neue Arbeitsformen, wirkt dagegen produktiv.
NEUNsight: Wenn Sie Ihre Beratungserfahrung in einen einzigen Satz für die nächste Generation von Unternehmer:innen packen müssten – welcher wäre das?
Reinhard Volk: Geht euren eigenen Weg mit Begeisterung und Leidenschaft, aber achtet das bereits Geschaffene und entwickelt es weiter.
Winfried Neun: Nur wer kontinuierliche Anpassung mit gezielter, tiefgreifender Veränderung verbindet, sichert den langfristigen Unternehmenserfolg.

